Streit um Entschädigung von Missbrauchsopfern

Hamburg.  Nach den Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche gewinnt die Auseinandersetzung um eine mögliche Entschädigung der Opfer an Schärfe. Der deutsche Kurienkardinal Walter Kasper widersprach am Mittwoch einem Bericht, wonach er sich dafür ausgesprochen habe.

Dies sei eine juristische Frage außerhalb seiner Zuständigkeit, sagte Kasper. Die FDP erneuerte dagegen ihre Forderung nach Entschädigung und sieht darin eine moralische Pflicht.

Der Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) warf Kasper vor, sie habe einen «völlig falschen Zungenschlag» in die Debatte gebracht und sie kenne das Kirchenrecht nicht. Leutheusser hatte angesichts der Vielzahl der Fälle, die derzeit ans Licht kommen, den Aufklärungswillen der Kirche bezweifelt. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, reiste unterdessen am Mittwoch nach Rom. Dort will er am Freitag Papst Benedikt XVI. treffen, um mit ihm über das Vorgehen im Missbrauchsskandal zu beraten. Auch am Mittwoch wurden wieder mehrere Fälle bekannt.

Kasper sagte in einem Interview mit Radio Vatikan, er habe nie ein Wort zu Entschädigungen gesagt. Am Samstag hatte die Zeitung «La Repubblica» den im Vatikan für die Einheit der Christen zuständigen Kasper mit den Worten zitiert: «Die Schuldigen müssen verurteilt und die Opfer entschädigt werden.» Dies nannte der Kardinal am Mittwoch eine «sehr freie» Wiedergabe seiner Äußerungen.

Aus Sicht der FDP-Bundestagsfraktion ist eine Entschädigung der Opfer jedoch keine juristische, sondern eine moralische Frage, wie deren rechtspolitischer Sprecher und parlamentarischer Geschäftsführer Christian Ahrendt in Berlin sagte. Außerdem sollten Wiedergutmachungsleistungen unabhängig von Verjährungsvorschriften gewährt werden.

Die Deutsche Bischofskonferenz ist in der Entschädigungsfrage nach eigenen Angaben um eine angemessene und gerechte Lösung bemüht. «Wir haben längst angefangen, an diesem Thema zu arbeiten und gehen davon aus, dass wir das auch zügig abschließen und uns dann umfassend in dieser Frage äußern können», sagte eine Sprecherin in Bonn.

Der Würzburger Bischof Friedhelm Hofmann sprach sich gegen direkte Entschädigungszahlungen der katholischen Kirche aus. Bisherige Erfahrungen hätten gezeigt, dass das oft als «Schweigegeld» gedeutet werde, sagte Hofmann der Deutschen Presse-Agentur dpa. Er plädierte ebenso wie sein Bamberger Amtskollege Ludwig Schick für längere Verjährungsfristen.

Wie schon in den Tagen zuvor wurden auch am Mittwoch erneut Missbrauchs- oder Verdachtsfälle bekannt. So sollen in einem früheren Jungen-Internat des Bistums Mainz im hessischen Bensheim in den 60er und 70er Jahren Schüler sexuell missbraucht und misshandelt worden sein.

Im oberschwäbischen Attenweiler (Baden-Württemberg) ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen ein ehemaliges Kinderheim der Stiftung Piuspflege. Es sei ein Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt eingeleitet worden, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Ravensburg. Die Polizei soll über die zuständige Diözese Rottenburg- Stuttgart das Opfer finden, das sich beim Nachrichtenmagazin «Spiegel» gemeldet hatte.

Die «Leipziger Volkszeitung» berichtete von einem ersten Fall in Sachsen. Nach Angaben eines ehemaligen Bewohners des Eilenburger Ernst-Schneller-Heims für sogenannte erziehungsauffällige Kinder kam es dort in den Jahren 1970 bis 1980 täglich zu sexuellen Übergriffen.

Der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesjustizministerium, Max Stadler (FDP), hält derweil an einem Runden Tisch im Bundesjustizministerium zur strafrechtlichen Aufarbeitung der Missbrauchsfälle fest. Der für den 23. April geplante Runde Tisch von Bundesfamilien- und Bundesbildungsministerium zur Prävention von Missbrauch an Schulen sei zwar berechtigt. Aber er ersetze nicht das Vorhaben des Bundesjustizministeriums zu einem Runden Tisch mit Vertretern der Kirche und den Betroffenen, sagte Stadler der «Berliner Zeitung». Der FDP-Politiker plädierte zudem für längere Verjährungsfristen für die Entschädigung von Missbrauchsopfern, die derzeit drei Jahre beträgt.

Die Missbrauchsfälle werden auch den 2. Ökumenischen Kirchentag (ÖKT) in München beschäftigen. Das kündigten die beiden ÖKT- Präsidenten Alois Glück und Eckard Nagel in München an. Zu dem Missbrauchsskandal sind zwei Podiumsveranstaltungen vorgesehen. Zu dem Kirchentag unter dem Motto «Damit Ihr Hoffnung habt» werden vom 12. bis 16. Mai mindestens 100 000 Gläubige erwartet. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wird zu einer Podiumsdiskussion zum Thema «Werte für die Gemeinschaft. Hoffnung in Zeiten der Verunsicherung» erwartet.


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