Sterbehilfe: Von der Angst, anderen zur Last zu fallen

Deutschland streitet um Sterbehilfe. Dabei geht es auch um den Ausbau der Palliativmedizin. Doch wie sieht das Sterben auf der Palliativstation aus? Ein Besuch bei Menschen, die Todkranke beim Sterben begleiten.

FLORIAN NAUMANN, EPD |

Seit einigen Tagen liegt Martin Scherm in einem Zimmer des Klinikums Harlaching in München auf einer Station, die für viele Menschen das Tor vom Leben zum Tod bedeutet. Trotzdem ist er auf gewisse Weise froh, hier zu sein. Scherm ist auf der Palliativstation angekommen. Der 67-Jährige leidet an einem unheilbaren Tumor, er ist schwach und hat Probleme mit dem Atmen. Aber er sagt auch: "Ich bekomme hier eine super Pflegeversorgung."

Derzeit wird in Deutschland heftig über die Sterbehilfe - das Verbot von Sterbehilfeorganisationen und einen ärztlich begleiteten Suizid - gestritten. Diese Debatte hat auch die Palliativmedizin in den Blickpunkt gebracht. Jenen Zweig der Medizin, der sich nicht um das Kurieren von Krankheiten, sondern um die Symptomlinderung und die Begleitung unheilbar Kranker kümmert. Der die letzten Lebenstage Todkranker so erträglich machen soll, dass die Betroffenen nicht mehr den vorzeitigen Tod wünschen. So klang jüngst im Bundestag zumindest der Wunsch vieler Politiker.

Einer der Menschen, die diese Aufgabe bewältigen sollen, ist Hans Pohlmann. Er ist Oberarzt der Palliativstation in Harlaching. Etwa 350 Patienten zählt er pro Jahr in seiner Einrichtung. Etwa 70 Prozent davon sterben auf der Station. Auf "etwa 20 Prozent" schätzt er den Anteil der Betroffenen, die ihm gegenüber einen Suizidwunsch äußern. Die Krankenschwestern bekämen womöglich mehr derartige Überlegungen zu hören. "Aber ich denke, die meisten Patienten schätzen das Ganze hier."

Die Palliativstation in Harlaching hat ihre eigenen Regeln: Die Patienten werden nicht zu einer festen Zeit geweckt, sie können Essenswünsche äußern und sich im Bett in ein Raucherzimmer schieben lassen. Angehörige können mit im Zimmer übernachten. Kunst- und Physiotherapeuten sehen nach den Patienten ebenso wie Seelsorger der Kirchen. Die Schwestern haben mehr Zeit für Gespräche.

Zugleich betont Hans Pohlmann jedoch, dass sterben nie schön sei - auch nicht auf einer Palliativstation. "Ich finde es aber vermessen, als Mensch zu fordern, dass das Leben leidlos sein soll", sagt der Oberarzt. "Das Leid gehört zum Leben dazu."

Das Hauptleiden vieler Kranker seien dabei nicht einmal physische Schmerzen, sagt er, denn die ließen sich palliativmedizinisch meist gut lindern. Schwieriger seien etwa ständige Atemnot oder Übelkeit. Vor allem aber der Verlust an Autonomie: Viele Menschen fühlten sich in der letzten Phase ihrer Krankheit nutzlos. "Da komme ich mir häufig auch sehr hilflos vor", sagt der Oberarzt. "Wir können dann nur zeigen, dass ein Mensch, der abhängig ist und viel fremde Hilfe braucht, auch einen Wert hat."

Pohlmann begrüßt zwar einen möglichen Ausbau der Palliativarbeit, er sieht darin jedoch kein Allheilmittel für die Problematik von Suizidwünschen von unheilbar kranken Menschen. Der Oberarzt sagt, man könne dem Leid der Betroffenen auf der Palliativstation zwar oft mit Gesprächen entgegentreten. Zugleich hält er aber auch einen Wandel im System für nötig. "Es ist eigentlich eine Bringschuld von uns allen, diese Menschen mit Würde zu behandeln", betont er. "Da muss es in den Altenheimen besser werden, da muss auch die Medizin ein bisschen weg von dem Gedanken: 'der bringt kein Geld mehr, der muss aus dieser Station weg'."

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

Zum Schluss

Warum man mit Energiesparlampen ...

Die modernen Glühlampen sind gut für die Umwelt, weil sie Energie sparen, aber schwierig zum Entsorgen.

Energiesparlampen schonen das Klima, weil sie viel weniger Strom verbrauchen als die alten Glühbirnen. Doch wenn sie zerbrechen, ist Vorsicht angesagt – vor allem, wenn sie Quecksilber enthalten. mehr

Kotzhügel und Zaun: Botschaften ...

Das Tanzen auf den Tischen ist nicht erlaubt. Foto: Felix Hörhager

Der Besuch des Oktoberfestes kann ein großes Abenteuer sein. Damit alles glatt geht, geben einige Botschaften ihren Landsleuten nützlich Ratschläge an die Hand. mehr

Studie: Meiste Reiche leben in ...

Weltweit gibt es immer mehr Millionäre. Auch in Deutschland steigt die Zahl der Reichen. Das geht aus einer Studie des Beratungsunternehmens Capgemini hervor. mehr