Steinmeiers Nierenspende lässt Telefondrähte heiß laufen

Viele Patienten warten verzweifelt auf eine Organspende. Aber es fehlen Spender und Organe. Das Beispiel des SPD-Politikers Frank-Walter Steinmeier, der seiner Frau eine Niere überließ, könnte etwas bewegen.

Franz Vranitzky, Österreichs ehemaliger Bundeskanzler, hat es getan; der Schauspieler Jürgen Vogel hat es getan und auch der Sänger Herbert Grönemeyer. Diese Menschen des öffentlichen Lebens haben ihren Partnern oder Geschwistern eine Niere oder Knochenmark gespendet. Die Liste derjenigen Prominenten, die einen Organspendeausweis mit sich tragen, ist noch wesentlich länger.

Auf die Entscheidung des SPD-Fraktionschefs Frank-Walter Steinmeier, seiner Frau eine Niere zu spenden, reagierten die Menschen mit großer Anteilnahme: "Größe", "Hochachtung" und "Respekt" werden dem ehemaligen Außenminister in Kommentaren im Internet gezollt.

Angesichts dessen, dass derzeit 12 000 Menschen in Deutschland auf ein Spenderorgan warten, mehr als 8000 davon auf eine Niere, wäre es wünschenswert, dass Steinmeier als Organspender zum Vorbild für viele andere wird. Das findet zumindest Frieder Keller, Leiter der Sektion Nephrologie der Uniklinik Ulm. "Es ist ein gesellschaftliches Problem, dass die Zahl der Organspender 2009 in Baden-Württemberg um 6,6 Prozent zurückging."

Den Rückgang erklärt der Nierenspezialist sich mit einer zunehmend entsolidarisierten Gesellschaft, einer Gesellschaft der Einzelkämpfer, in der viele nur noch an den eigenen Vorteil denken. Das wirke sich auch in der Organspende dramatisch aus. Sie erleben es regelmäßig, erzählt Keller. "Die Angehörigen von Unfallopfern fragen, warum sie einer Organspende zustimmen sollten. Was bringt es ihnen?" Immer wieder widersprechen Angehörige selbst dann der Spende, wenn der Tote einen Organspenderausweis besitzt.

Deshalb ist das Beispiel des Frank-Walter Steinmeier so wichtig, sagt Keller. Weil er es anders macht, entgegen dem gesellschaftlichen Trend, und weil er ein Zeichen setzt: zurück zur Solidarität.

In der Uniklinik Ulm stehen 60 Patienten auf der Warteliste für eine Nierentransplantation. Es wären deutlich mehr, wenn man auch ältere und kränkere Dialysepatienten auf die Liste setzen könnte. Die durchschnittliche Wartezeit auf ein Organ beträgt sechs Jahre. Einige Patienten erleben den OP-Termin gar nicht mehr. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: 12 000 warten auf ein Organ, aber nur 2000 werden jährlich operiert.

Eine neue Niere bedeutet Lebensverlängerung, aber vor allem deutlich höhere Lebensqualität. Auch der kühle Rechner, der wenig von emotionalen Argumenten hält, müsste sich für Transplantation aussprechen. Ein Dialysepatient kostet das finanzgestresste Gesundheitssystem im Jahr durchschnittlich 70 000 Euro, ein erfolgreich Transplantierter 20 000.

An der Ulmer Klinik haben sie inzwischen begonnen, mit "Blutgruppen inkompatiblen Lebendspenden" von Nieren zu arbeiten. Das bedeutet, dass Partner, deren Blutgruppen nicht übereinstimmen, trotzdem ein Organ spenden können, weil vor der Operation eine Immunsuppression vorgenommen wird, das heißt die Abwehrkräfte im Körper werden so weit gesenkt, dass das Organ nicht mehr abgestoßen wird. "Es ist ein Verfahren, mit dem wir gute Erfahrungen gemacht haben", sagt Keller. Der einzige Nachteil: Es ist teurer als bei der herkömmlichen Transplantation.

Wie man das Problem fehlender Spenderorgane in den Griff bekommen könnte? Indem man bei der Organentnahme von Unfallopfern grundsätzlich von der Widerspruchsregelung ausgeht, so wie es der Deutsche Ärztetag einstimmig befürwortet hat: dass die Zustimmung vorliegt, wenn nicht widersprochen wird, und nicht die Zustimmung eingeholt werden muss. Das erleichtere schwierige Angehörigengespräche, weil es Zeit spart, die ein anderes Leben retten kann.

Die Spende Frank-Walter Steinmeiers zeigt bereits heute Wirkung, über das persönliche Schicksal des SPD-Politikers und seiner Frau hinaus: Bei der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) steht das Telefon nicht mehr still. "Vor allem wegen der Presseanfragen", sagt eine Sprecherin. "Doch", räumt sie ein, "dadurch, dass die Medien auch die Nummer des DSO-Infotelefons veröffentlichen, laufen auch dort die Drähte heiß."


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Autor: KATHRIN KONYEN, WILLI BÖHMER | 26.08.2010

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