Speisen à la DNA

Essen ist in aller Munde. Das hat mit der Sache an sich zu tun, aber auch mit Debatten über Diäten oder Tierhaltung. In Zukunft wird viele noch eine Frage beschäftigen: Passt diese Mahlzeit zu meinen Genen?

ANDREAS CLASEN |

"Kellner!" "Ja, bitte Herr Müller?" "Welchen Wein würden Sie mir empfehlen?" "Ehrlich gesagt, gar keinen. Nehmen Sie lieber ein Hefeweizen. Das enthält viel Folsäure und wirkt Ihrem erhöhten Homocysteinspiegel entgegen. Sie wissen ja, dass der aufgrund Ihrer Mutationen im MTHFR Gen eher ansteigt und Herz-Kreislauf-Erkrankungen begünstigt." "Schon gut, und was gibt es zu essen?" "Da haben wir schon ein Menü für Sie vorbereitet. Das berücksichtigt auch ihr erhöhtes Diabetes-Risiko wegen ihrer Mutationen im TCF7L2 Gen." "In Ordnung, dann lasse ich mich mal überraschen. Hauptsache, es schmeckt."

Hört sich nach Science Fiction an, aber in 15 Jahren könnten sich ähnliche Szenen in Deutschland abspielen, sollte sich eine vom Nestlé Zukunftsforum (NZF) und TNS Infratest entwickelte Studie bewahrheiten. Unter dem Titel "Wie is(s)t Deutschland 2030?" präsentierte deren Ergebnisse im Frühjahr Renate Schmidt, NZF-Vorsitzende und Bundesfamilienministerin a.D. Die auf Genanalysen basierende personalisierte Ernährung sei einer der wichtigsten Zukunftstrends, heißt es in der Analyse, die sich auf Expertenmeinungen und repräsentativen Konsumentenbefragungen stützt.

Dieser Trend verspricht gute Gewinne. Die Forscher des Nahrungsmittelkonzerns Nestlé arbeiten mit Hochdruck an entsprechenden Produkten. Die Macher der von der EU finanzierten "Food4Me"-Studie zu personalisierter Ernährung kamen vor wenigen Monaten zum Schluss, dass auf Genmerkmale individuell zugeschnittene Empfehlungen einen Marktwert von 6 bis 16 Milliarden Euro erzielen könnten, "wenn nur 10 Prozent der europäischen Bevölkerung" diese Dienstleistung annehmen.

Schon heute gibt es Unternehmen, auch in Deutschland, die entsprechende Ernährungsprogramme zum Abnehmen anbieten. Die Kunden geben Speichelproben ab und zahlen für die Genanalyse und den daraus abgeleiteten Empfehlungen mehrere hundert Euro.

"Von diesen Angeboten halte ich nichts", sagt Professor Gerhard Rechkemmer der SÜDWEST PRESSE. Er ist Präsident des Max-Rubner Instituts, dem Bundesforschungsinstitut für Ernährung und Lebensmittel in Karlsruhe. "Letztendlich ist das im Moment Hokuspokus, weil das Wissen fehlt, um aus Genanalysen fundierte Ernährungsempfehlungen abzuleiten. Bisher sind nur sehr pauschale Tipps möglich, für die ich keine Genotypisierung brauche." Auch Thomas Ellrott, Leiter des Instituts für Ernährungspsychologie der Universität Göttingen und NZF-Beirat, sieht hier noch großen Forschungsbedarf: Viele Zusammenhänge seien unklar und Interventionsstudien fehlten, die prüfen, ob solche Empfehlungen einen tatsächlichen Nutzen bringen. "Angesichts der hohen Kosten von mehreren 100 Euro, die die Anbieter von Gentyp-Analysen verlangen und des fraglichen Nutzens", sagt Karin Riemann-Lorenz von der Verbraucherzentrale Hamburg, "raten wir Verbrauchern daher dazu, das Geld sinnvoller anzulegen. Eine individualisierte Ernährungsberatung, die auf einer Anamnese des bisherigen Essverhaltens beruht, wird bereits heute von vielen zertifizierten Ernährungsberaterinnen angeboten, deren Beratungsleistungen im Übrigen auch von den Krankenkassen bezuschusst werden können."

Eines der aufwendigsten Forschungsprojekte zu personalisierter Ernährung war in jüngster Zeit die "Food4Me"-Studie. Sie wurde online durchgeführt und mehr als 1500 Erwachsene in sieben europäischen Ländern machten mit. Teilnehmer, die individuelle Ernährungsempfehlungen erhielten, waren motivierter und ernährten sich gesünder als Mitglieder der Kontrollgruppe, die nur allgemeine Tipps bekamen. Allerdings machte es keinen Unterschied, ob die Ratschläge allein aus den spezifischen Ernährungsgewohnheiten abgeleitet wurden oder zusätzlich Blutwerte oder Genmerkmale der Teilnehmer einbezogen.

In Deutschland war an der Studie das Zentralinstitut für Ernährung und Lebensmittelforschung (ZIEL) der Technischen Universität München maßgeblich beteiligt. "Eine rein gen-basierte Ernährungsempfehlung ist meiner Ansicht nach verfrüht und einseitig", sagt ZIEL-Mitarbeiterin Silvia Kolossa, auch wenn es etwa Hinweise gebe, dass bestimmte Mutationen im TCF7L2 Gen mit einem erhöhten Risiko für Diabetes in Zusammenhang stehen, und es dann sinnvoll wäre, ein gesundes Körpergewicht zu halten und regelmäßig den Blutzucker zu testen, um Insulingaben möglichst zu minimieren. Aber de facto ist die Datengrundlage noch "sehr schwach". Zudem seien Datenschutz- und ethische Fragen zu bedenken, etwa wenn die Menschen im Zuge der Genanalyse erfahren, dass sie mit hoher Wahrscheinlichkeit an einer Krankheit leiden werden, gegen die es keine Vorbeugung gibt.

Kritikern aber, die sagen, personalisierte Ernährung sei per se Unsinn, weil jeder bereits wisse, wie eine gesunde Ernährung aussehe, entgegnet Silvia Kolossa, dass die vorhandenen allgemeinen Empfehlungen offensichtlich wenig bringen. Immer mehr Menschen litten immer früher unter ernährungsbedingten Krankheiten wie Diabetes. Genanalysen könnten hier helfen, um die Empfehlungen passgenauer zu gestalten und die Motivation zu erhöhen, diese einzuhalten.

Weitere Trends für 2030

Studie Neben der personalisierten Ernährung hat die 2015 veröffentlichte Nestlé Zukunftsstudie "Wie is(s)t Deutschland 2030?" weitere Trends mittels Experten- und Konsumentenbefragungen ermittelt.

Nahrungsmittel 52 Prozent der befragten Konsumenten können sich Algen und Insekten als Proteinlieferanten vorstellen. 2030 werden deutsche Konsumenten diese nachfragen, solange die Produkte an bekannte Speisen und nicht an Insekten erinnern. Erst in diesem Juli haben Forscher der Oregon State University ihre Zuchterfolge bezüglich einer roten Algenart - Dulse (Palmaria sp.) - präsentiert und diese auch gleich patentieren lassen. Die Alge erinnere vom Aussehen her an transparenten roten Kopfsalat, heißt es in einer Pressemitteilung der Universität. Die Züchtung sei sehr nährstoffreich und weise getrocknet einen Eiweißgehalt von bis zu 16 Prozent auf. Gebraten soll sie wie Speck schmecken.

Werte Knapp zwei Drittel der befragten Konsumenten glauben, dass die Menschen künftig stärker darauf achten werden, Produkte zu kaufen, die den eigenen Werten entsprechen. Den Deutschen werden eine "ressourcenschonende Herstellung und die optimale Nutzung der immer knapper werdenden Ressourcen" sowie Gesundheitsaspekte wichtig sein.

Küche In Wohnungen, vor allem in Ein-Personen-Haushalten, werden die Küchen kleiner, da der Wohnraum in den Metropolen sich stetig verteuert. Dem gegenüber steht der Wunsch nach Kochen als Gemeinschaftserlebnis: Die Befürworter des gemeinschaftlichen Essens glauben, dass die Menschen 2030 gut ausgestattete Küchen in der Nachbarschaft anmieten werden, um gemeinsam zu kochen und zu essen.

Großeinkäufe Die Studie ergibt, dass die Grundversorgung mit Lebensmitteln künftig vor allem online erfolgen wird. Der Einzelhandel wird ein Ort sein, "wo sich die Menschen inspirieren und beraten lassen". Manche Konsumenten bilden "Food-Communities" und kaufen gemeinsam große Mengen günstiger ein.

Selbstoptimierung 2030 wird es Menschen geben, die durch ihre Ernährung und entsprechende Produkte versuchen, ihre Leistungsfähigkeit zu steigern. 25 Prozent der Befragten bewerten das Szenario einer Ernährung zur Selbstoptimierung in einer leistungsorientierten Gesellschaft positiv. Technische Hilfsmittel, wie Apps und Gesundheitsarmbänder, werden die Selbstoptimierer unterstützen. Die meisten Befragten empfinden aber eine Ernährung zur Selbstoptimierung beängstigend.

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