"Sozialer Sprengstoff"

"Ich möchte Drogendealer, Waffenhändler oder Zuhälter werden." Mit solchen Äußerungen sehen sich Lehrer in Berlin konfrontiert - nicht nur in Problem-Stadtteilen wie Neukölln, sondern auch in Charlottenburg.

Wenn Astrid K. über Integration spricht, erzählt sie gern von ihrem Schüler Ismail. Der nimmt auch im Klassenraum seine Basketballmütze nicht ab, räkelt sich auf seinem Stuhl und macht ständig Faxen. Am Unterricht beteiligt er sich fast nie. Was er mal werden möchte, fragte ihn die Lehrerin kürzlich. "Drogendealer oder Waffenhändler", habe er grinsend geantwortet. "Oder vielleicht auch Zuhälter."

Ismail ist 14 Jahre alt, sieht aber eher aus wie 12, hat sechs Geschwister und stammt aus dem Libanon. Astrid K., die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, hat immer wieder vergeblich versucht, Kontakt zu den Eltern aufzunehmen. Sie weiß, dass er bereits von einer anderen Schule geflogen ist, weil er den Unterricht wochenlang schwänzte, Lehrerinnen als "Huren" beschimpfte und anspuckte.

Astrid K. ahnt, dass der "nicht unbegabte Junge" wie fast 200 000 andere pro Jahr in Deutschland die Schule nicht ausbildungsfähig verlassen wird. Sie kennt einige Schüler vom Schlage Ismails, die meisten stammen aus Migranten-Familien, aber nicht alle. "Immer mehr Eltern sind mit der Erziehung völlig überfordert", bilanziert sie.

Sie unterrichtet nicht in Berlins Problem-Stadtteilen Neukölln oder Kreuzberg, sondern in Charlottenburg-Nord. Astrid K. glaubt, dass nur frühkindliche Bildung und ein früher Kita-Besuch Kindern wie Ismail helfen würden. In Berlin werben Regierungschef Klaus Wowereit und Neuköllns Bürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) für eine Kita-Pflicht. Die ab 2011 geltende Gebührenfreiheit in Kitas sei "der erste Baustein, um zu einer allgemeinen Kita-Pflicht zu kommen", erklärte Wowereit. Bildung sei der Schlüssel zu mehr Aufstiegschancen, fördere den Integrationswillen.

Ab Januar soll der kostenlose dreijährige Kita-Besuch zusätzlichen Anreiz für eine Anmeldung schaffen - für Kinder aus Hartz-IV-Familien und bildungsfernen Elternhäusern. Im vierten Lebensjahr gibt es einen verbindlichen Sprachtest; wer schlecht abschneidet, bekommt Sprachförderung. Doch eine Kita-Pflicht ist mit der Verfassung nur schwer vereinbar. In einigen europäischen Ländern gibt es sie längst, in anderen die Vorschulpflicht für Kleinkinder.

"Nach wie vor weigern wir uns, die größeren Erfolge in anderen Ländern anzuerkennen", klagt Buschkowsky. "Schon jetzt sind wir Spitzenreiter beim Aufwuchs der Zurückgelassenen." Aus der Debatte um Thilo Sarrazins Thesen müsse man eines lernen, sagte er dem "Tagesspiegel": "Die Menschen spüren deutlich, dass die Unterschicht und damit Bildungsferne und Gewaltbereitschaft bei den jungen Menschen bedrohlich zunehmen."

Die Hauptstadt hat - allen Vorurteilen zum Trotz - verglichen mit anderen Großstädten keinen besonders hohen Ausländeranteil. Selbst Flächenländer wie Baden-Württemberg und Hessen haben laut Statistischem Bundesamt einen höheren Anteil von Personen mit Migrationshintergrund als Berlin. Doch hier prägte mit Barbara John die am Ende dienstälteste Ausländerbeauftragte Deutschlands das Klima. Integration, predigt die CDU-Politikerin seit jeher, sei ein Prozess von 100 Jahren. Es werde auch deshalb so lange dauern, weil in der Phase der Einwanderung den Migranten weder Deutsch noch das hiesige Wertesystem - und auch nicht die Vorteile von Bildung und Abschlusszeugnissen - vermittelt wurde. Wie sehr elektronische Medien den Einwanderern das geistige Verweilen in der Heimat ermöglichen, sagte John schon vor Jahren, das hätten die Deutschen zu spät bemerkt. Heute sind die Fehler evident, sie wettzumachen ist aufwendig und teuer.

Buschkowsky rechnet anders. Heutige Kinder aus bildungsfernen Milieus werden künftig die Renten der Bildungsbürger erarbeiten müssen. Daher sei kein Euro für die Förderung verloren. Der Sozialdemokrat will nur die Hälfte des bundesdeutschen Kindergeldes (35 Milliarden Euro im Jahr) direkt auszahlen, die andere Hälfte in Kitas, Schulen, Lehrer, Bücher und Essen leiten. Doch gerade in diesem Bereich spart die Bundesregierung. In der Hauptstadt wird die Renovierung der Kitas und Schulen vor allem mit Mitteln aus der Städtebauförderung finanziert, die jetzt um die Hälfte gekürzt werden.

Astrid K. fühlt sich in ihrer schulischen Integrationsarbeit von der Politik im Stich gelassen. "Seit langem liegen die Probleme auf der Hand. Doch Debatten darüber werden in den Parteien eher abgewürgt als befördert." Thilo Sarrazin sei sie daher dankbar, weil jetzt vielleicht mehr passieren könnte. Die Skepsis der Lehrerin bleibt aber groß. "Mitunter habe ich das Gefühl, dass viele die Augen verschließen und es anderen egal ist, dass sich immer mehr sozialer Sprengstoff ansammelt."


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Autor: PETER GÄRTNER | 06.09.2010

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