"Sicherheit gibt es nur mit Russland"

Horst Teltschik, einst Berater des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl, rät der Politik nach wie vor - auch ungefragt. Er ist gegen die Russland-Sanktionen und für eine neue Entspannungspolitik. Mit einem Kommentar von Peter De Thier: Eine Hand wäscht die andere.

WILLI BÖHMER |

Er ist 74 Jahre und kein bisschen müde: Horst Teltschik (CDU) war als Berater dabei, als Helmut Kohl Ende der 80er Jahre um die Wiedervereinigung rang. Heute lobt er den SPD-Kanzler Willy Brandt für seine Entspannungspolitik gegenüber dem Osten und fordert eine Neuauflage dieser Gespräche, auch wenn das angesichts der Ukrainekrise und der Annexion der Krim schwer fallen mag: "Wir ändern Russland nicht durch Sanktionen", sagt er. Für Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat er wenig freundliche Worte parat, als er im Multinationalen Bundeswehrkommando in Ulm auch über den Ukrainekonflikt referiert. Sie äußere sich nicht konkret, wie meistens eben. Das sei aber kein Angebot für einen neuen Kurs.

Streitbar war Teltschik schon immer: Als Leiter des Büros des Fraktionschefs der CDU/CSU im Bundestag von 1977 an, und von 1983 an als Vize-Kanzleramtschef. Von 1999 bis 2008 leitete er die Münchner Sicherheitskonferenz. Heute lebt er mit seiner Familie in Rottach-Egern am Tegernsee. Seine Haare sind grau geworden, aber seine Frisur ist rebellisch, wie auch sein Geist. Außen- und Sicherheitspolitik treibt ihn nach wie vor um. Er ist Mitglied im International Advisory Board des Council on Foreign Relations (Rat für auswärtige Beziehungen) mit Sitz in New York und auch im Beirat der Atlantischen Initiative in Berlin.

Der EU und dem Westen insgesamt wirft Teltschik vor, sich nach 1990, dem Zerfall der Sowjetunion und dem Ende der Konfrontation mit dem Warschauer Pakt, zu wenig um eine neue Weltordnung gekümmert zu haben. "Wir hatten zehn Jahre lang nur eine Weltmacht: die USA." Schon der 41. US-Präsident George Bush sen., eher Falke denn Friedenstaube, hatte eine Neuordnung angemahnt, in der auch Russland seinen Platz finden sollte. "Geschehen ist nichts." In der KSZE-Friedenskonferenz 1990 in Paris haben 35 Staatschefs eine neue Friedenscharta unterzeichnet, in der von einem einheitlichen Raum die Rede war, der sich von Vancouver bis Wladiwostok erstrecken sollte. "Zum ersten Mal war da die Vision eines sicherheitspolitischen Kontinents." Diese Chance habe man verstreichen lassen. Wäre Russland eingebunden worden, hätte es die Ukraine-Krise wahrscheinlich nie gegeben, meint Teltschik.

Als er kürzlich einen Freund in Russland traf und fragte, wohin der russische Kurs führt, habe der ihm geantwortet: "Russland geht seinen Weg, von dem wir nicht wissen, wohin er führt. Aber wir gehen ihn bis zum Ende." Und Teltschik bemüht Worte des russischen Schriftstellers Alexander Puschkin: "Ich verachte mein Vaterland von Kopf bis Fuß. Aber ich hasse jeden Ausländer, der dieses Gefühl mit mir teilt." Das hat mit der russischen Seele, dem Sicherheitsbedürfnis des Landes und seinem Selbstwertgefühl zu tun, sagt Teltschik. Und mit den Kriegen mit denen es überzogen wurde - von den Tataren über Napoleon bis Hitler. Deshalb werde Putin nicht nachgeben. Es könne sein, dass er am Ende der Verlierer sei: wirtschaftlich und innenpolitisch, weil der Mittelstand die Sanktionen am meisten zu spüren bekomme. Aber das sei ein gefährlicher Kurs. Denn ein schwaches Russland und ein schwacher Präsident Putin seien für Europa und den Westen gefährlicher als ein starker. Es gebe aus seiner Sicht keine Alternative dazu, die Sanktionen gegen Moskau zu beenden und erneut auf eine Entspannungspolitik zu setzen. Putin habe immer wieder Gesprächsbereitschaft signalisiert. Es liege jetzt am Westen, darauf einzugehen.

Kommentar von Peter De Thier: Eine Hand wäscht die andere

Die doch angeblich so stark angeschlagenen Beziehungen zwischen Washington und Moskau sind kaum wiederzuerkennen. So hatte US-Präsident Barack Obama noch kürzlich mit Genugtuung festgestellt, dass Russlands Wirtschaft als Folge der Sanktionen im Zuge der Ukraine-Krise "in Trümmern liegt". Auch lässt Wladimir Putin selten eine Gelegenheit aus, um die USA als Gefahr für den Weltfrieden zu beschimpfen. Dann aber reist Obamas Außenminister John Kerry zu Gesprächen mit Putin und dessen Chefdiplomat Lawrow nach Russland, um Einigkeit zu demonstrieren.

Tatsache ist, dass der erfahrene Staatsmann Kerry erkannt hat, was sich seinem Chef lange Zeit verschloss: Dass sich aller Differenzen zum Trotz das Weiße Haus und der Kreml gegenseitig brauchen. Im Kampf gegen den IS und für Stabilität in Syrien, um Irans nukleare Ambitionen einzudämmen und nun auch, um Schleppern das Handwerk zu legen und den Flüchtlingsstrom nach Europa zu stoppen. Kerry möchte Putin gerne davon abbringen, sein Veto gegen eine entsprechende UN-Resolution einzulegen.

Gewiss hat es sich der hohe Gast aus Washington nicht nehmen lassen, den Konflikt in der Ukraine anzusprechen. Doch Kerry wird leise treten und dürfte es bei dem Hinweis darauf, wie wichtig die Umsetzung der in Minsk vereinbarten Waffenruhe ist, bewenden lassen. Für Optimismus in dem lädierten bilateralen Verhältnis mag es zu früh sein. Immerhin haben aber beide Seiten einen pragmatischen Ansatz gewählt und setzen sich nun für jene Interessen ein, die sie gemeinsam haben. Das allein ist ein wichtiger Fortschritt.

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