Schlange stehen aus Verantwortung

Für Palästinenser sind die Kontrollen an den israelischen Checkpoints lästige Pflicht. Die israelischen Frauen von "Machsomwatch" unterziehen sich ihnen freiwillig. Sie kontrollieren das Verhalten der Soldaten.

CEDRIC REHMAN |

Das verdächtige Objekt ist eine blaue Plastiktüte. Jemand hat sie fallen lassen ausgerechnet im Eingangsbereich zum Checkpoint von Kalandia, der Israel von den Palästinensergebieten trennt. Vor dem Drehkreuz stauen sich die Wartenden. Israelische Soldaten mit Maschinengewehren versperren den Weg. "Wenn es schlecht läuft, warten die Leute ein paar Stunden, bis sie endlich den Beutel mit Orangen in die Luft sprengen", sagt Roni im Wiener Singsang. Roni ist vor mehr als 20 Jahren von Österreich nach Israel ausgewandert. Die Frau mit dem Kurzhaarschnitt fällt auf zwischen all den Palästinenserinnen mit Kopftuch.

Genau wie Nurit und Tamar, die beide blond sind. Die drei Frauen haben einen weißen Button mit der Aufschrift "Machsomwatch" am Revers: "Checkpointkontrolle" auf Deutsch übersetzt. Seit Jahren kommen sie einmal in der Woche an das Nadelöhr, das täglich 15 000 Palästinenser von der Westbank nach Israel schleust. Kalandia ist ein Loch in der Mauer, die der frühere israelische Ministerpräsident Ariel Scharon nach dem Beginn des Palästinenseraufstands im September 2000 rund um die besetzten Gebiete errichten ließ. Noch ist der acht Meter hohe Betonwall nicht überall fertig gestellt. In Kalandia funktioniert der Grenzverkehr zwischen Israel und den besetzten Gebieten aber bereits so, wie es sich die israelische Regierung wünscht: Nur wenige Grenzübergänge erlauben die größtmögliche Kontrolle, über die Palästinenser, die nach Israel kommen. Die Frauen von "Machsomwatch" besuchen die Checkpoints um die Kontrolleure zu kontrollieren. 400 Frauen aus Israel machen es seit 2001 an den verschiedenen Grenzübergängen. Was die Frauen von "Machsomwatch" sehen und mit der Kamera festhalten, veröffentlichen sie auf ihrer Homepage. "Jeder, der es wissen will, kann erfahren, was an den Checkpoints los ist", sagt Roni.

Solange das Sprengstoffkommando damit beschäftigt ist, die verdächtige Plastiktüte aus dem Weg zu räumen, haben Roni, Nurit und Tamar Zeit, Bekannte zu begrüßen. Wajihd, der Kaffeeverkäufer vom Checkpoint gibt eine Runde aus. Schon morgens um drei, wenn die Tagelöhner sich anstellen, um pünktlich zur Arbeit auf Israels Baustellen zu erscheinen, braut er eine Koffeinbombe aus Kaffeepulver, Zucker und einem Fingerhut Wasser. Vielen Grenzübergängern hilft aber auch der stärkste Mokka nicht dabei, in angemessener Zeit auf die andere Seite zu gelangen. Ein Sprengstoffalarm am Morgen kann eine Familie um ihren Tagesverdienst bringen, sagt Roni. "In der Westbank findet ja niemand einen Job."

Fast niemand. Tamar hat Murat entdeckt. Er hat das Glück als Psychologe in Ramallah zu arbeiten. Sein Pech ist, dass er eine Palästinenserin "erster Klasse" geheiratet hat. Seine Frau hat einen israelischen Pass und darf in Jerusalem leben. Murat, der in Wirklichkeit anders heißt, ist dagegen in der Westbank als staatenlos registriert. Jeden Tag, wenn er nach Hause zu seiner Familie will, muss er eine Aufenthaltsgenehmigung beantragen. Damit darf er 24 Stunden mit seiner Frau und seinen Kindern verbringen, bevor er als illegaler Einwanderer zur Fahndung ausgeschrieben wird. "Leben unter der Besatzung heißt nie zu wissen, was am nächsten Tag mit dir passiert", sagt Roni.

Die israelischen Soldaten, die alle junge Wehrpflichtige sind, könnten auf das wöchentliche Wiedersehen mit den Frauen von Machsomwatch sicher verzichten. "Sie nennen uns bestimmt die drei alten Schachteln", sagt Tamar. Eine Schachtel ist sie für die Soldaten gerne. Nur ihre Provokationslust wirkt alles andere als betagt. Tamar zückt die Kamera und fotografiert die Soldaten. "Gleich kommen sie angeschlichen", sagt Tamar und drückt auf den Auslöser. Ein bisschen Spaß macht ihr der zivile Ungehorsam schon.

Mittlerweile haben die Sprengstoffexperten herausgefunden, dass der blaue Beutel harmlos war. Das Drehkreuz öffnet sich. Auch Roni, Nurit und Tamar stellen sich in der Schlange an. Drei israelische Frauen bewegen sich unter Palästinensern vorwärts, die darauf warten, durchleuchtet, kontrolliert und abgetastet zu werden. Im gewissen Sinne geht es gerecht in Kalandia zu. Selbst für Kranke oder Hochschwangere gibt es keine schnellere Abfertigung. "Ein Krankenwagen aus den Palästinensergebieten darf nicht nach Israel fahren", sagt Tamar. Der Patient muss an der Grenze warten, bis ein anderer Krankenwagen aus Jerusalem ihn am Checkpoint abholt. "Wir haben das erlebt mit Schwangeren, die in den Wehen waren." Was sie dabei empfunden hat? "Scham", sagt sie.

Inzwischen ist es dunkel geworden und kühl. Nurit, Roni und Tamar entscheiden sich, zurück nach Israel zu fahren. Sie lockt ein Tee und ein Bakklava, ein in Rosenöl getunkter arabischen Krapfen. Sie wollen Halt machen in Ostjerusalem, also im palästinensischen Teil der Stadt. Ein schier undenkbarer Akt, in einer Stadt in der Araber und Juden strikt getrennt voneinander leben. "Die meisten Israelis glauben, dass jeder Palästinenser sich in die Luft sprengt, wenn er einen Juden sieht", sagt Nurit. Sie selbst hat das nie geglaubt.

Nurit wollte sich mit dem Bild, das die israelischen Medien von den Palästinensern zeichnen, nicht zufrieden geben. Vor drei Jahren stieß sie zu "Machsomwatch". Die Entscheidung ist ihr nicht leicht gefallen. "Ich habe eine Agentur. Natürlich hatte ich Angst wie meine Kunden reagieren." Tamar versteht das. "Meine Schwester redet kein Wort mehr. Ich bin doch eine Verräterin", sagt sie. Tamar hat lange in Thailand gelebt. "Ich habe erst im Ausland gemerkt, was für einer Gehirnwäsche wir ausgesetzt sind. Unsere jungen Leute bekommen während den drei Jahren bei der Armee Gehorsam eingetrichtert. Deshalb würden sie niemals auf die Barrikaden gehen wie in Frankreich."

Warum rebellieren dann Frauen mittleren Alters wie Roni, Nurit und Tamar? Alle drei haben in ihrem Leben oder in der Familiengeschichte Ungerechtigkeit erlebt. Nurit hat als Diplomatenkind im Ausland Mobbing erfahren. Roni und Tamar kommen aus Familien, die den Holocaust überlebt haben. Ronis Familie litt im besetzten Österreich. Tamars Großmutter wurde von Auschwitz in ein Arbeitslager nach Deutschland verschleppt. So entkam sie dem sicheren Tod im Vernichtungslager. Die Verfolgung der eigenen Familie durch die Deutschen, öffnet beide Frauen für palästinensisches Leid. "Wir waren mal das Volk hinter dem Stacheldraht", sagt Tamar. Ihre Großmutter hat ihr als Kind von einem deutschen Soldaten erzählt. Er hat den Mädchen auf dem Weg vom Lager in die Fabrik immer eine kurze Verschnaufpause ermöglicht. Das hat meine Großmutter nie vergessen. "Moischele" - kleiner Moische - haben ihn die Mädchen genannt, weil er als Deutscher nett zu den Juden war. Als Tamar ihrer Großmutter von ihrer Arbeit in den besetzten Gebieten erzählte, hat sie diese verstanden: "Dann bist du also ihr Moischele", sagte sie. "Da habe ich angefangen zu weinen."

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

Zum Schluss

Umfrage: Internet auf der ...

Stiller Ort zum Surfen: Die Toilette. Foto: Monika Skolimowska

In der einen Hand das Klopapier, in der anderen das Smartphone - für fast jeden Zweiten in Deutschland ist das einer Umfrage zufolge kein Problem. 45 Prozent der Befragten gaben an, dass sie auf der Toilette selten oder regelmäßig im Internet surfen. mehr

Studie: Meiste Reiche leben in ...

Weltweit gibt es immer mehr Millionäre. Auch in Deutschland steigt die Zahl der Reichen. Das geht aus einer Studie des Beratungsunternehmens Capgemini hervor. mehr

Mückenplage droht – ...

Wo kommt sie vor? Asiatische Tigermücke (Aedes albopictus).

Deutschland droht eine Stechmückenplage. Der Grund: das feuchtwarme Wetter. Experten bitten darum, Mücken zu fangen und einzusenden. mehr