Psychische Störungen: Die neue Volkskrankheit
Berlin. 8,5 von 1000 Versicherten waren letztes Jahr wegen psychischer Störungen im Krankenhaus. Mit 31 Tagen bleiben sie besonders lange in der Klinik.
Depressionen und andere psychische Störungen werden für immer mehr Bürger ein so großes Problem, dass sie ins Krankenhaus müssen: In den vergangenen 20 Jahren hat sich ihre Zahl mehr als verdoppelt. "Psychische Erkrankungen sind die neue, aber versteckte Volkskrankheit", warnte der Vizechef der Barmer GEK, Rolf-Ulrich Schlenker, gestern in Berlin. Die Zahlen der größten deutschen Krankenkasse sind repräsentativ für alle Bürger.
Im letzten Jahr waren 8,5 von 1000 Versicherten wegen psychischer Störungen im Krankenhaus. 1990 waren es erst 3,7. Mit durchschnittlich 31 Tagen bleiben sie besonders lange in der Klinik, obwohl sich die Verweildauer um fast ein Drittel reduzierte. Mit 17 Prozent aller Krankenhaustage haben sie längst die Herz-Kreislauf-Erkrankungen überholt, die als klassische Volkskrankheiten gelten. Angesichts von 5,5 Milliarden Euro Behandlungskosten für alle gesetzlichen Krankenkassen sieht Schlenker eine große Herausforderung.
Häufig reicht ein Klinikaufenthalt nicht aus: 30 Prozent der Patienten mit psychischen Störungen mussten innerhalb von zwei Jahren wegen der gleichen Diagnose erneut eingeliefert werden. Schon im ersten Monat nach der Entlassung kehrt jeder Zehnte zurück. Die verkürzte Behandlungsdauer hatte darauf keinen Einfluss; der Anteil hat sich in den vergangenen zehn Jahren nicht verändert.
Dafür sieht Schlenker die Notwendigkeit, die Verzahnung mit ambulanten Psychotherapeuten zu verbessern. Bis zu 17 Prozent der Patienten erhielten vom Krankenhaus keine Empfehlung zur ambulanten Weiterbehandlung, ergab eine repräsentative Befragung von 1700 Betroffenen. Nur 45 Prozent mussten nach der Entlassung weniger als einen Monat auf einen Termin warten. Mehr als die Hälfte der Patienten bezeichnete ihren Gesundheitszustand ein knappes Jahr nach der Entlassung als "weniger gut" oder "schlecht". Bei Patienten, die eine neue Hüfte erhielten, beklagte dies nur gut jeder Fünfte, obwohl sie im Schnitt 20 Jahre älter sind.
Trotz des Befundes sieht Schlenker nicht die Notwendigkeit, mehr ambulante Psychotherapeuten zu beschäftigen. Sinnvoll und möglich seien weniger Behandlungsstunden und mehr Gruppentherapien.
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Autor: DIETER KELLER | 27.07.2011
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