Professor Gerd Bosbach über die Arbeitslosenstatistik

Selbst wenn es wenig Gutes zu berichten gibt, wird es hübsch verpackt. Das kritisiert der Statistik-Professor Gerd Bosbach von der Hochschule Koblenz.

ANTJE BERG |

Herr Professor Bosbach, Sie gelten als einer der schärfsten Kritiker der offiziellen Arbeitslosenstatistik. Was stört Sie am meisten?
GERD BOSBACH: Dass dort viel zu oft schöngefärbt wird. Auch wenn es wenig Gutes zu berichten gibt, wird es hübsch verpackt.

Ein aktuelles Beispiel?
BOSBACH: Am 1. September hat die Bundesagentur für Arbeit zum Ausbildungsmarkt mitgeteilt, dass es 532.000 Bewerber und 501.000 Ausbildungsstellen gebe. Dazu heißt es dann sinngemäß, der Markt zeige sich rechnerisch nahezu ausgeglichen. Was man völlig außen vor lässt, sind die 250.000 Altbewerber, die noch nicht versorgt sind.

Das heißt, der Bedarf an Lehrstellen ist deutlich höher?
BOSBACH: Ja, das hängt damit zusammen, dass unversorgte Lehrstellenbewerber verpflichtet sind, einen Schulplatz anzunehmen und dann sofort aus der Statistik herausfallen. Das ist ebenso ärgerlich wie die Tatsache, dass der rechtliche Rahmen der Arbeitslosenstatistik immer wieder verändert wird.

Wie oft ist das zuletzt geschehen?
BOSBACH: In den vergangenen 20 Jahren mehr als ein Dutzend mal. Meist haben die Veränderungen die Arbeitslosenzahlen verringert - etwa, indem man Ein-Euro-Jobber nicht hineinzählte, oder jene Menschen, die man an private Vermittler weiterreichte. Dadurch werden auch Jahresvergleiche verzerrt.

Warum wird das so gemacht?
BOSBACH: Dafür gibt es mehrere Gründe. Hohe Arbeitslosenzahlen gelten als Versagen der Politik, niedrige als Erfolg. Das weiß der Chef der Bundesagentur natürlich genau. Er ist ja auch von der Bundesregierung ausgewählt. Und die Vorschriften, wie die Zahlen gemessen werden, gibt die Politik in Gesetzen und Weisungen vor.

2,8 Millionen Arbeitslose gab es im August, alles unter drei Millionen gilt als Vollbeschäftigung. Zu Recht?
BOSBACH: Nein. In den 80ern galten mehr als eine Millionen Arbeitslose als Katastrophe. Sicher, das war vor der Wiedervereinigung. Dennoch hat sich die Marke, die als akzeptable Sockelarbeitslosigkeit gilt, nach oben verschoben. Ich halte mindestens die Hälfte der knapp vier Millionen Arbeitslosen, die wir ohne Statistiktricks haben, für leicht vermittelbar. Es gibt eben zu wenige Stellen. Das merkt jeder, der vernünftige Arbeit sucht.

Welche Folgen hat das alles?
BOSBACH: Es verschärft die psychisch ohnehin sehr belastende Situation der Betroffenen. Sie strampeln sich ab mit Bewerbungen, bekommen nur Absagen und ernten Unverständnis dafür in einer Öffentlichkeit, die denkt: Jeder, der Arbeit will, bekommt sie zurzeit auch.

Sie haben ein vielbeachtetes Buch geschrieben: "Lügen mit Zahlen - wie wir mit Statistiken manipuliert werden." Was hat Sie dazu gebracht?
BOSBACH: Statistiken und Grafiken erwecken den Eindruck von Objektivität, dabei lässt sich mit ihnen alles beweisen - und das Gegenteil davon. Ich habe früher im Statistischen Bundesamt gearbeitet und war immer wieder damit konfrontiert, dass Politiker nicht Zahlen zu einem Thema anforderten, sondern explizit solche Daten, die geeignet waren, ihre Thesen zu stützten.

Was sind die häufigsten Tricks?
BOSBACH: Da gibt es viele: Politiker rühmen sich damit, 2000 neue Lehrer eingestellt zu haben, sagen aber nicht, dass 2500 in den Ruhestand gegangen sind. Ich nenne es die Methode "Ying ohne Yang". Oder, ein Politiker sagt: Wir haben 1000 Lehrer zusätzlich eingestellt, das ist eine riesige Verbesserung. Ist sie das wirklich - wie in diesem Fall bei 7000 Schulen im Land? Wenn sich sieben Schulen einen Lehrer teilen?

Noch mehr solcher Beispiele?
BOSBACH: Wenn die Reichen zehn Prozent reicher werden, werden wir im Schnitt alle reicher, selbst wenn einige ärmer werden. Wenn eine Partei von 30 auf 20 Prozent abstürzt, schwindelt sie, wenn sie behauptet, 10 Prozent der Wähler verloren zu haben - es ist ein Drittel. Und wussten Sie, dass ausgerechnet die Vatikanstadt die höchste Kriminalitätsrate ausweist? Und das einzig und allein deshalb, weil dieser kleinste Staat der Welt das höchste Touristenaufkommen hat und viele Diebe das Gedränge nutzen?

Was kann man tun, um Manipulationen dieser Art zu erkennen?
BOSBACH: Man kann sich fragen: Welche Interessen hat jener, der mir diese Zahlen präsentiert? In welche Richtung färbt er schön? Schönfärben ist eine zutiefst menschliche Angelegenheit. Längst nicht nur Politiker machen es, um besser auszusehen. Ganz wichtig: Auch Experten können irren. Jahrzehntelang hieß es, Spinat sei besonders eisenhaltig, weil einem Wissenschaftler ein Komma nach rechts verrutscht war. Und die Fragen aller Fragen: Kann es diese Zahl überhaupt geben? Die Kölner Verkehrsbetriebe rechtfertigten extrem aggressive Kontrollen mit der hohen Schwarzfahrerzahl - mit einer Zahl also, die niemand kennt. Und zuletzt: Wer behauptet, er wisse, was in 50 Jahren sei - der lügt ganz sicher. Fast keine dieser Prognosen wird Realität.

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