Privatfirma soll Kranke beraten

Der Patientenbeauftragte der Bundesregierung und der Spitzenverband der Krankenkassen wollen, dass künftig eine Privatfirma die Patienten berät. Experten sind entsetzt. Die Entscheidung sei absolut falsch.

MARTIN HOFMANN |

Die Sanvartis GmbH, eine Tochterfirma der Düsseldorfer Vendus Sales & Communication Group, hat die Ausschreibung für die unabhängige Patienten- und Verbraucherberatung gewonnen. Dies hat Karl-Josef Laumann (CDU), Patientenbeauftragter der Bundesregierung, intern mitgeteilt. Von 2016 an wird Sanvartis sieben Jahre lang die rund 80 Millionen Versicherten in "gesundheitlichen und gesundheitsrechtlichen Fragen informieren und beraten". Jährlich neun Millionen Euro stellen gesetzliche und private Krankenversicherung, also ihre Beitragszahler, dafür bereit.

Beraten gehört zum Sanvartis-Kerngeschäft. "Wir machen Gesundheit", verspricht die Firma auf ihrer Homepage ihren Kunden. Zu denen gehören mindestens 27 große und kleine Krankenkassen. Von der "Markteinführung neuer Produkte, über "Management" von Patienten in speziellen Kassen-Programmen (DMP) bis zum Verfassen von Zeitungsartikeln - Sanvartis liefert. Sie preist etwa ihr "Gesundheitstelefon" zu Medizinfragen als "so zielgerichtet und individuell, dass ihr Kunde es nicht als ,ungefragte Werbung' auffasst, sondern als ,guten Tipp' , der ihn begeistert".

Das Mutterunternehmen Vendus berät 25 Pharmaunternehmen, private Krankenhäuser, aber auch Unikliniken oder Ärztenetze.

Kann die Tochter da unabhängig informieren, Betroffene im Konflikt mit den Akteuren im Gesundheitswesen unterstützen? Das Sozialgesetzbuch verlangt genau dies.

Dem Spitzenverband der Krankenkassen fiel die Entscheidung leicht. Sanvartis war bisher offenbar im Sinn der Kassen tätig. Ihr Ziel für die nächsten Jahre: Ausgaben begrenzen, um keinen Zusatzbeitrag erheben zu müssen. Wer hier vorpreschen muss, dem dürften die Beitragzahler davonlaufen.

Den Patientenbeauftragten Laumann lockt vor allem das Versprechen der Firma, die Zahl der Beratungsgepräche mehr als zu verdoppeln. Gelänge dies, könnte der frühere Sozialminister einen Erfolg verkünden. Die Unabhängigkeit sieht er gewahrt, wenn Sanvartis für den Auftrag eine gemeinnützige GmbH gründet, die getrennt von den übrigen Aktivitäten der Firma agiert.

Der fünfköpfige Beirat - der Laumann berät - hat es im Vorfeld abgelehnt, das Privatunternehmen mit der Patientenberatung zu betrauen. Über die Vergabe ist er "entsetzt". Sie "entspricht in keiner Weise den Vergabekriterien für die Unabhängigkeit und Neutralität." Dass Sanvartis vornehmlich am Telefon beraten will, sei ebenfalls ein Manko. Gerade für ärmere und ältere Menschen, die sich im Gesundheitssystem nicht zurecht finden, sei ein persönliches Gespräch sehr wichtig, betont ein Experte. "Da muss Klasse vor Masse gehen." Ein Mitspracherecht hat der Beirat aber nicht. Dass Laumann die Bedenken seiner Ratgeber igonrierte, die "zwingend einen Ausschluss von Sanvartis zur Folge hätten haben müssen", empört die Experten besonders.

Renate Hartwig, Buchautorin und Gründerin der Initiative Bürger-Schulterschluss, die sich gegen die Kommerzialisierung des Gesundheitswesens wendet, schreibt in einem offenen Brief an Laumann, ein Unternehmen, das im Auftrag von Krankenkassen gewerblich ein Callcenter betreibt, könne nicht unabhängig Beschwerden über Kassen bearbeiten. Das sei Verrat an den Versicherten. "Es geht nicht um das Wohl der Patienten, sondern um deren geschickte Manipulation." Laumann sei als Patientenvertreter "untragbar".

Massive Kritik üben auch Kammern und kassenärztliche Vereinigungen der Ärzte und Zahnärzte. Sie wittern einen Coup der Krankenkassen und forderten Laumann bereits auf, die Vergabe zu revidieren.

Verloren hat die Ausschreibung die Unabhängige Patientenberatung Deutschland (UPD). Seit 2006 berät sie Patienten und Angehörige, ist in 21 Städten mit Beratungsstellen (zwei in Baden-Württemberg), einem Beratungstelefon und einem Arzneimittelberatungsdienst präsent. Kostenpunkt: fünf Millionen Euro pro Jahr. Träger der gemeinnützigen GmbH sind der Sozialverband VdK, der Bundesverband der Verbraucherzentralen und der Verbund unabhängige Patientenberatung. Gut 80.000 Menschen nehmen das Angebot in Anspruch.

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