Pillen-Cocktail in der Pflege

Das Urteil ist vernichtend: Demenzkranke erhalten zu viele und ungeeignete Medikamente. Viele Präparate nutzen nicht den Betroffenen, sondern den Heimen. Chemische Ruhigsteller sparen Personal.

ELISABETH ZOLL |

Die Empörung raubt Cornelia P. immer wieder die Stimme. "Ich habe einen Hass, das können Sie sich gar nicht vorstellen." Es ist eine unbändige Wut auf das Altenheim, in dem ihre Mutter vor wenigen Tagen starb, auf die dort einbezogenen Ärzte und Psychiater, die die 88-jährige Frau im Juli mit den Krankheitsbildern Demenz, Osteoporose und "organisch affektive Störung" in eine geschlossene Abteilung eines gerontopsychiatrischen Altenheims in Nordrhein-Westfalen einwiesen. Unnötigerweise, glaubt die Tochter. "Meine Mutter wurde verstorben", klagt sie an.

Der Mitte 50-Jährigen gehen die Bilder nicht mehr aus dem Kopf. Ihre Mutter. Freundlich offen schaut die alte Frau Anfang 2011 in die Kamera. Neugierig unternehmungslustig das Lächeln. Die Demenz macht sich bereits bemerkbar, doch die Lebensfreude ist unübersehbar. Die 88-Jährige fühlt sich von ihrer Tochter seit zwei Jahren gut versorgt. Wenige Wochen später ein völlig anderes Bild: apathisch in einem Rollstuhl hängend versucht die Frau mit Mimik auf die Ansprache der Tochter zu reagieren. Doch nicht einmal mehr die Augen vermag sie ganz zu öffnen. Wie eine undurchdringbare Wolkenwand trennen Psychopharmaka Mutter und Tochter.

Was war geschehen? Weil die Tochter eine gemeinsame Wohnung für sich und die pflegebedürftige Mutter suchen wollte, wurde die demenzkranke Frau in ein Altenheim eingewiesen. Was von der Tochter als vorübergehende Lösung geplant war, wurde zum Dauerzustand. Fremde Ärzte begutachteten die Frau mit folgenreichen Diagnosen, es kam zum Streit mit der Tochter, zum Entzug der Vorsorgevollmacht und schließlich zur Einsetzung eines Berufsbetreuers.

Die Unruhe der alten Frau, die bis dahin ausgiebige Spaziergänge milderten, wurde jetzt mit Psychopharmaka erstickt, der Harndrang während der Nacht und am frühen Morgen mit Windeln und Schlafmitteln "geregelt". Für alles gab es nun Pillen und Tropfen. Sechs Psychopharmaka - Risperdal, Seroquel, Stillnox, Remergil, Mirtazapin und Tavor - waren im täglichen Arzneimittel-Cocktail der zierlichen Frau.

Fast 240 000 demenzkranke Menschen werden in Deutschland in der stationären und ambulanten Pflege mit Medikamenten ruhiggestellt. Das errechnete das Zentrum für Sozialpolitik an der Universität Bremen. "In diesen Fällen werden Medikamente nicht verschrieben, um die Leiden der Patienten zu mindern oder ihre Krankheiten wirksam zu behandeln, sondern um einen reibungslosen Betrieb auf den Stationen zu ermöglichen", sagt Professor Gerd Glaeske. Das spart Personal und Kosten. Seit Jahren machen er und sein Team auf den Missstand aufmerksam. "Chemische Gewalt" nennt Glaeske das. "Die alten Menschen werden auf den Heim-Alltag angepasst - nicht umgekehrt", bekräftigt auch der Münchner Pflegeexperte Claus Fussek.

Das Ausmaß ist erheblich: Nach der Erhebung der Bremer Forschungsgruppe erhalten von insgesamt 1,1 Millionen Demenzpatienten knapp 360 000 Neuroleptika. Bei 40 bis 50 Prozent aller Betroffenen gebe es dafür nachvollziehbare Gründe, sagt Glaeske. Für den großen Rest aber nicht. Auf diesen Missstand weisen auch Studien aus Großbritannien hin. Auch die dortige Erhebung legt nahe, dass die Medikamente in zwei von drei Fällen zu Unrecht verordnet wurden. Zum Schaden der Patienten.

Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen weist 2009 in einem Sondergutachten eindringlich auf den Missstand hin: "Bei älteren Menschen mit Demenz sind unerwünschte Wirkungen und Wechselwirkungen von besonderer Bedeutung, da eine große Anzahl von Psychopharmaka die kognitiven Fähigkeiten weiter verschlechtert oder ältere Menschen in große Gefahren bringen kann. Daher ist eine leichtfertige Verordnung von ruhigstellenden Mitteln bei älteren Menschen, insbesondere aber bei Menschen mit Demenz, keine akzeptable Strategie, um eine zu geringe Anzahl an pflegerischen oder betreuendem Personal auszugleichen."

Die examinierte Altenpflegerin Cornelia Schulz, die seit 17 Jahren in der Pflege tätig ist, und zuletzt in einem Pflegeheim in Nordrhein-Westfalen arbeitete, bestätigt das: "Bei uns kamen die Leute aufrecht ins Heim und waren binnen Tagen bewegungsunfähig." Auf Schwindel als Nebenwirkung von Psychopharmaka folgte der Rollstuhl, manchmal auch die Fixierung. "Die Leute verlieren ganz schnell ihre eigenen Ressourcen." Böse Absichten will Cornelia Schulz keiner Pflegekraft unterstellen. "Die sind total überfordert". Der Personalschlüssel sei zu knapp kalkuliert, zudem reibt die Arbeit mit Demenzkranken auf. Viele Pfleger werden jeden Tag mehrfach mit "herausforderndem Verhalten" konfrontiert - nicht nur bei Tag, auch in der Nacht. Weil dann oft nur eine Pflegerin für 60 und mehr Menschen zuständig ist, bräuchte die Nachtwache "ruhige Leute", so Cornelia Schulz.

Unkenntnis kommt dazu. Alte Menschen haben in der Regel viele Gebrechen - und mehrere Fachärzte. Da kommen etliche Verschreibungen zusammen - und noch mehr Medikamente. Zehn und mehr unterschiedliche Pillen und Tropfen pro Tag sind keine Seltenheit. Das können Leber und Nieren älterer Menschen nur schwer verkraften. Auch kann eine solche Kombination unterschiedlicher Wirkstoffe keiner kontrollieren. Das Zusammenwirken von vier bis fünf Medikamenten einzuschätzen sei möglich, sagt Glaeske. Zehn und mehr seien ein "unkalkulierbarer Mix". Glaeske: "Die Vielzahl ist ein Indiz dafür, dass die Therapie nicht abgestimmt wurde." Er fordert eine ärztliche Koordination der unterschiedlichen Therapien in den Heimen.

Hinzu kommt, dass viele Arzneimittel für alte Menschen nicht geeignet sind. Ihre Namen finden sich auf der so genannten Priscus-Liste, die eine Forschergruppe der Universität Witten/Herdecke 2011 erstellte. Dort sind 83 Arzneimittel aufgelistet, auf die alte Menschen empfindlicher reagieren als jüngere. Nicht wenige Präparate sind für psychiatrische Leiden wie Schizophrenie oder Psychosen entwickelt worden, doch sie werden auch für die Behandlung Demenzkranker eingesetzt. So beispielsweise Risperidon, das auch der Mutter von Cornelia P. verabreicht wurde.

Auf die überaus schweren Nebenwirkungen wird im Beipackzettel aufmerksam gemacht. "Erhöhte Mortalität bei älteren Menschen mit Demenz-Erkrankungen." Neuroleptika steigerten die Sterblichkeit bei Demenzkranken um das 1,6- bis 1,7-Fache, sagt Glaeske. Wirklich beunruhigt scheint darüber niemand.

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