Noch ist nicht alles gesagt

Wie viel politischen Talk verträgt der Mensch, wie viel vertragen die Akteure? Noch mehr als bisher, meinen die Verantwortlichen von ARD und ZDF. Nicht mehr allzu viel, sagen die Kritiker.

Sehr anspruchsvoll dürften die Zuschauer nach dem TV-Sommer nicht mehr sein, nach einem Abendprogramm voller Uralt-Serien, Hollywood-Ramsch und wiederbelebtem Mord und Totschlag. Für die neue Fernsehsaison versprechen die Programm-Macher nun "spannende Unterhaltung". Soll heißen: Es wird wieder gequizzt, gekocht - und getalkt.

Glaubt man den öffentlich-rechtlichen Marketingstrategen, fiebert die TV-Nation dem Sonntagabend entgegen: Dann gibt Günther Jauch nach dem Tatort "Tod einer Lehrerin", in dem das Opfer zum Schuljahresbeginn ertränkt in einem Zimmerspringbrunnen gefunden wird, sein Debüt als Polit-Talkmaster in der ARD. Die einstündige Sendung aus dem Gasometer in Berlin ist live, Thema dürfte der zehnte Jahrestag der Anschläge vom 11. September sein. Der Sender lässt sich das Jauch-Gastspiel jährlich 10,5 Millionen Euro kosten - und verspricht sich vor allem eines: mehr Quote.

Der 55-jährige TV-Routinier bemüht sich die "übernatürliche Erwartungshaltung" etwas zu dämpfen. Er räumt ein, anders als vor seiner Rateshow "Wer wird Millionär?" von Lampenfieber geplagt zu werden: "Ich werde Fehler machen und Kritik einstecken müssen." In einem "Stern"-Interview kokettiert der ARD-Neuzugang: "Sie werden über mich herfallen. Ich mache mir da keinerlei Illusionen."

Die Fernseh-Journalistin Anne Will musste ihren Premium-Sendeplatz an den Publikumsliebling abtreten, dafür talkt sie jetzt mittwochs im Ersten. Dann sind da noch Sandra Maischberger ("Menschen bei Maischberger", dienstags), Reinhold Beckmann ("Beckmann", donnerstags) und Frank Plasberg ("Hart, aber fair", montags). Fünf Talks mit (gesellschafts-)politischem Inhalt in der ARD zwingen das ZDF selbstredend, dagegenzuhalten - dienstags, mittwochs und donnerstags mit Markus Lanz und noch einmal donnerstags mit Maybrit Illner. Im deutschen TV laufen auf allen Kanälen mehr als 30 Talkshows pro Woche - so, als gälte frei nach Karl Valentin: Noch ist nicht alles gesagt, zumindest nicht von jedem.

Von einer Talkshow-Inflation, auch zu Lasten anspruchsvoller Politik-Magazine, will ARD-Programmdirektor Volker Herres nichts wissen: "Ein Gesprächsformat mehr im Ersten schafft dem demokratischen Meinungsaustausch und der kontroversen Debattenkultur nun zusätzlich Raum." Doch was bringt den Zuschauern die Talk-Offensive? Die Themenauswahl ist begrenzt: Hartz IV, Mindestlohn, teure Pflege, schwierige Integration, gefährliche Atomkraft und die Euro-Krise. Oder: die darbende FDP, die schwache Kanzlerin, der Erfolg der Grünen, die SPD-Debatte über den richtigen Kandidaten.

Auch nicht gerade aufregend: die immer gleichen Gäste. "An diesen Nervensägen haben wir uns echt sattgesehen", lästerte die "Bild"-Zeitung über die deutsche Polit-Prominenz, den "oberschlauen Boss der Bosse", Hans-Olaf Henkel, sowie den "Alles-(Besser)-Wisser vom anderen Stern", Hans-Ulrich Jörges. Gleichzeitig gebe es wichtige Akteure, die fast gar nicht auftreten wie etwa Dax-Vorstände, moniert der ehemalige Chef des Adolf-Grimme-Instituts Bernd Gäbler in seiner Studie " . . . und unseren täglichen Talk gib uns heute". In der Analyse stellt der Medienwissenschaftler fest: Das Wichtigste an den Gästen sei, dass sie im Fernsehen "gut funktionieren", schlagfertig und meinungsstark seien. Ob Probleme sachgerecht erörtert werden, sei zweitrangig - telegenes Rollenspiel statt aufklärendes Gespräch.

ARD-Chefredakteur Thomas Baumann kontert: Man habe mehrfach versucht, zur Euro-Krise hochrangige Banker einzuladen. "Keiner jedoch wollte sich dem Publikum stellen." Doch nicht nur viele Wirtschaftsbosse, auch manche Politiker meiden derlei Runden bewusst.

Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) etwa gehört zu den größten Kritikern der Talkshow-Flut: "Es ist zu viel und zu wenig zugleich", sagte er unlängst in einem "Spiegel"-Interview. Sein Vorwurf: Hier werden politische Debatten nur simuliert. In Wahrheit werde Politik zu Unterhaltungszwecken benutzt. Lammert nimmt in den Medien einen erdrückenden Trend wahr, "der Unterhaltung gegenüber der Information den Vorrang zu geben, den Bildern gegenüber den Texten, den Schlagzeilen gegenüber der Analyse". Dass inzwischen weitaus mehr Sendezeit für Talkshows verwendet wird als für die Parlamentsberichterstattung schmerzt den streitbaren Bundestagspräsidenten, dürfte aber in Teilen auch ein hausgemachtes Problem sein.

Bei aller Kritik: Die Zuschauer scheint eine Art Hassliebe mit den Promirunden zu verbinden, die nach wie vor ein Millionenpublikum finden. Die typischen Talkshow-Konsumenten sind im Schnitt älter als 50 Jahre, verdienen gut und haben zumeist Abitur oder einen Hochschulabschluss. Zuschauerbefragungen zeigen, dass sie beim Talk verschiedene Phasen durchleben: Zunächst sind sie neugierig auf die Gäste und ihre Lösungsvorschläge, dann ermüden sie angesichts des geballten Expertentums und konzentrieren sich darauf, Sieger und Verlierer der Debatte auszumachen. Zuletzt fragen sie sich: Bin ich nun schlauer als zuvor? Wenn nicht, scheint es für das Problem keine Lösung zu geben, es bleibt alles, wie es ist.

Das wiederum lässt Teile des Publikums nicht unberührt. Zu den erfolgreichsten Nummern des Kabarettisten Georg Schramm gehört eine schon etwas in die Jahre gekommene Schelte: Der schlecht gelaunte Rentner Lothar Dombrowski empört sich über "die politischen Hampelmänner, die in den öffentlich-rechtlichen Bedürfnisanstalten bei den Klofrauen Christiansen und Illner oder an der emotionalen Pissrinne von Kerner und Beckmann regelmäßig ihre Sprechblasen entleeren dürfen". Für kaum einen Satz, sagt Schramm, habe er so viel Applaus geerntet.

Sollte hinter dem Beifall mehr als wohlfeile Politiker-Verachtung stecken, könnte der Kritiker Gäbler zuletzt doch noch Recht behalten. Er ist sich sicher: "Die Talkshows haben ihren Zenit überschritten."


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Autor: ANTJE BERG | 06.09.2011

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