Mit dem heiligen Christophorus am Gasfuß

Nach dem siebenfachen Weltmeister Michael Schumacher ist Sebastian Vettel der neue deutsche Star der Formel 1. Trotz vieler Ähnlichkeiten im Lebenslauf driften die beiden in einigen Punkten auseinander.

Der Heilige Christophorus gilt als Schutzpatron der Autofahrer. Es gibt nicht wenige, die an ihn glauben. Einer seiner schnellsten bekennenden Schützlinge weltweit ist gestern zum zweiten Mal Formel-1-Champion geworden: Sebastian Vettel. Der 24-Jährige aus Heppenheim setzte sich als jüngster Pilot der Formel-1-Historie zum zweiten Mal die WM-Krone auf.

Vettel selbst bezeichnet sich als gläubig, er ist auch abergläubisch. Seine Großmutter hatte ihm einmal aus dem französischen Wallfahrtsort Lourdes eine Christophorus-Münze mitgebracht. Die trägt Vettel bei seinen Renneinsätzen am Gasfuß im Treter - welch heilige Größe im Schuh. Vom christlichen Glauben nicht in diesem Maß geprägt ist Michael Schumacher. Der siebenfache Weltmeister sieht sich eher in einer Richtung des Buddhismus, wie er schon vor Jahren erzählte.

So gegensätzlich sich die beiden deutschen Stars des Motorsports in der Glaubensfrage zeigen, es gibt viele Gemeinsamkeiten. Beide haben ihre Karriere im Kart begonnen, beide hatten einen unheimlich schnellen Aufstieg innerhalb der "Königsklasse des Motorsports". Jeder musste sich aus eher bescheidenen Verhältnissen nach oben arbeiten, wodurch ein besonders intensives Verhältnis zur Rennfahrerei entsteht, wie beide unisono behaupten, weil man schließlich denjenigen Personen gegenüber stärker in der Verpflichtung stehe, die einem geholfen haben, als jemand, dem vieles durch ein reiches Elternhaus einfach geschenkt in den Schoß fällt.

Trotz des ähnlichen Weges zum Gipfel des Ruhms lehnt Vettel einen Vergleich mit Schumacher eigentlich ab. Er habe nach wie vor allergrößten Respekt vor dem siebenfachen Champion, sagt Vettel, schließlich sei der heute 42-jährige Schumacher sein Idol gewesen und er habe gar Poster des Kerpeners in seinem Schlafzimmer aufgehängt gehabt. Als sich die beiden während dieser Saison auf dem Nürburgring begegneten, da gab Vettel zu: "Früher war es das Größte für uns, wenn Michael zur Jahresabschluss-Feier der Kartfahrer kam, die Pokale überreichte und einem die Hand schüttelte."

Schumacher selbst bezeichnet das Verhältnis zu Vettel als "freundschaftlich". Allerdings erhofft sich der auch im zweiten Comeback-Jahr abgeschlagene Mercedes-Pilot, "dass die Duelle auf der Strecke in der kommenden Saison deutlich enger werden als bisher".

Interessant ist, wie im motorsportbegeisterten England, das seine eigenen Piloten wie Lewis Hamilton oder Jenson Button gerne in der Pole-Position der Gunst sieht, Jungstar Vettel bewertet wird: "Er ist wie Schumacher - nur viel freundlicher", urteilte zum Beispiel die "London Times".

Während dem zeitweise fast vom Ehrgeiz zerfressenen Schumacher die vielen (zu) harten Attacken auch noch heute übel genommen werden - wie der mittlerweile schon legendäre Rammstoß von Jerez 1997 gegen Jacques Villeneuve (da war Vettel zehn Jahre alt) -, hat sich der Heppenheimer durch sein erfolgreiches wie ehrliches Auftreten Respekt verschafft. "Uneinsichtigkeit nach eigenen Fehlern" war zumindest ein Markenzeichen des Michael Schumacher im ersten Teil seiner Karriere, die bis 2006 andauerte. Wie in der anfangs erwähnten Glaubensfrage driften auch hier die beiden Motorsport-Asse auseinander. Denn Vettel steht offenherzig zu seinen eigenen Fehlern und gibt sie spontan zu - wenn es sein muss, sogar über Funk aus dem Cockpit.

Fraglos: Der polarisierende Schumacher hatte in der Formel-1-Szene einen Boom ausgelöst, der sich speziell in Deutschland zu einem wahren Hype entwickelte. In Sebastian Vettel hat der 91-fache Grand-Prix-Sieger nun einen Nachfolger, der sich auf dem besten Wege befindet, Schumi-Rekordmarken nach und nach zu löschen.

Aber gemach: Während der 42-Jährige auch heute noch nicht loslassen kann von der Rennfahrerei und selbst während seiner Formel-1-Auszeit zwischen 2006 und 2009 Rennen fuhr (allerdings auf zwei Rädern), hat der 24-jährige Vettel andere Ansichten: "Vielleicht habe ich in vier oder fünf Jahren keine Lust mehr auf Formel 1 und möchte einfach etwas ganz anderes machen", sagte er kürzlich in einem Interview mit dem Magazin "Playboy". Allerdings betonte Vettel auch schon des öfteren, dass es eigentlich zu einer guten Formel-1-Karriere gehöre, einmal für Ferrari gefahren zu sein. Hier würde sich der Kreis schließen. Schumacher holte fünf seiner sieben Titel für den italienischen Traditionsrennstall.

Gleichgültig, ob Ferrari oder Red Bull: Wie es derzeit aussieht, so fährt der Heilige Christophorus in Form einer Münze noch viele Runden mit im Formel-1-Cockpit.


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Autor: THOMAS GRUBER | 10.10.2011

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