Missbrauchsskandal weitet sich aus
Berlin. Zudringlichkeiten, Schläge auf nackte Haut, Anfassen von Genitalien: Der Skandal um sexuellen Missbrauch an Jesuiten-Kollegs und anderen katholischen Schulen zieht immer größere Kreise. Inzwischen werden auch zwei Frauen beschuldigt.
Insgesamt gebe es bei den Jesuiten bis zu zwölf mutmaßliche Missbrauchstäter, wie die von dem Orden beauftragte Anwältin Ursula Raue am Donnerstag in Berlin sagte. Bundesweit hätten sich bislang 115 bis 120 Missbrauchsopfer gemeldet, unter ihnen seien auch frühere Schülerinnen. Außerdem haben sich Opfer gemeldet, die nicht an Jesuiten-Schulen waren. Darunter sei auch jemand von einer evangelischen Einrichtung. Die Jesuiten reagierten mit Erschrecken und Scham auf Raues Zwischenbericht.
Sie habe Berichte über Opfer, die sich das Leben genommen hätten, sagte die Anwältin. Bei anderen brächen nun verborgene Verletzungen wieder auf. «Es gibt Verfehlungen und Wunden, die heilen offenbar nicht.» Manche Männer offenbarten sich zum ersten Mal. 80 Prozent der Opfer gehe es nicht um finanzielle Entschädigung, sagte Raue. «Viele sind bereits erleichtert, dass sie ihre Geschichte erzählen können.» Andere setzten auf eine ernst gemeinte Entschuldigung.
«Das hat eine Dimension angenommen, die bisher nicht zu ahnen war», sagte Raue. In den nächsten Tagen werde ein Arbeitsstab gegründet, um alle Fälle aufzuarbeiten. Dem Zwischenbericht der Anwältin zufolge handelt es sich bei den Tätern bei den Jesuiten überwiegend um Patres, aber auch um andere Lehrer und Bedienstete der Kollegs.
Nach Raues Worten berichten die Opfer vor allem von Manipulationen an ihren Genitalien und von zudringlichen Zärtlichkeiten, weniger von körperlichen Verletzungen. An einer nicht-jesuitischen Einrichtung habe es auch schwere gewalttätige Übergriffe gegeben.
Der Ordensprovinzial der Jesuiten, Stefan Dartmann, teilte in München mit: «Das Ausmaß dieser Übergriffe, in denen sich sexuelle und sadistische Motive mischen, ist für den Orden erschreckend und beschämend.» Er nannte es «eine Schande», dass der Orden in seinen Personalakten kein Wort darüber verlor, welche Schäden die Taten bei den Schülern anrichteten. «Mit Scham erfüllt mich auch die im Bericht klar benannte, wenn auch noch ungenügend aufgeklärte Tatsache, dass Täter von einer Station der Jugendarbeit in die andere geschickt wurden», fügte Dartmann hinzu. Es müsse geklärt werden, was hier menschliches Versagen von Leitungspersonen war, und was strukturell falsch lief. Derzeit seien keine personellen Konsequenzen notwendig.
Zollitsch schweigt weiter
Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, hält sich weiter bedeckt. Er wolle sich zu dem Thema am Montag (22.2.) in Freiburg zum Auftakt der Frühjahrsvollversammlung der katholischen Bischöfe äußern, sagte eine Sprecherin. Die jüngsten bekannten Fälle ereigneten sich nach dem Bericht Mitte der 80er Jahre. Raue sagte, sie gehe davon aus, dass alle Taten verjährt sind. «Den Formulierungen in den Akten kann man entnehmen, dass es in den meisten Fällen dem Orden bekannt war.» Konsequenzen habe es aber nicht gegeben.
Missbrauch auch bei Pallottinern
Auch an einer Schule der katholischen Pallottiner-Gemeinschaft in Rheinbach bei Bonn ist es früher zu Missbrauchsfällen gekommen. Nach Angaben der Pallottiner handelt sich um drei bekannte Fälle mit Jugendlichen aus den 60er Jahren im früheren Konvikt St. Albert. Der betroffene Pater sei damals suspendiert worden. Die Pallottiner sind eine Gesellschaft apostolischen Glaubens in der katholischen Kirche und unterhalten in Deutschland mehrere Bildungs- und Jugendeinrichtungen.
Das Berliner Canisius-Kolleg hatte im Januar die ersten Missbrauchsfälle öffentlich gemacht, dort sind inzwischen 40 bis 50 Fälle bekannt. Immer mehr Opfer meldeten sich, auch von den Jesuiten-Schulen St. Blasien im Schwarzwald und Aloisiuskolleg in Bonn.
Ein Grundproblem der katholischen Kirche?
Die Laienorganisation «Wir sind Kirche» nannte sexuellen Missbrauch ein Grundproblem der katholischen Kirche. Eine sehr rigide Sexualmoral, ein überhöhtes Priesterbild, und autoritäre, hierarchische Strukturen begünstigten den Missbrauch, sagte der Sprecher des Vereins, Christian Weisner, im ARD-Mittagsmagazin. Der Bischof des Bistums Dresden-Meißen, Joachim Reinelt, sagte dagegen der «Leipziger Volkszeitung» (Freitag): «Kindesmissbrauch ist kein katholisches Problem, sondern ein Gesamtgesellschaftliches.»
Die Theologin Uta Ranke-Heinemann warf den Kirchenoberen vor, dem Volk eine Komödie vorzuspielen. Dass der Papst sexuellen Missbrauch als abscheuliches Verbrechen und eine Sünde gegen Gott bezeichnet, stufte Ranke-Heinemann auf «Focus online» angesichts der kirchlichen Praxis als unglaubwürdig ein: «Der Papst weint hier Krokodilstränen statt den Betroffenen zu helfen.»
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18.02.2010
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Das Türschild des Canisius-Kollegs in Berlin.
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