"Mehr aufeinander achten"
Amokläufe sind keine Taten aus heiterem Himmel, sagt die Forscherin Britta Bannenberg. Doch wenn sich schüchterne Außenseiter in Rache-Fantasien flüchten, wird das zu oft vom Umfeld verdrängt.
Sie beschäftigen sich seit Jahren mit Amokläufen. Wie nähert sich die Forschung diesem Thema?
BRITTA BANNENBERG: Es gibt zunächst die Ermittlungsakten. Sie helfen dabei, sich ein Bild zu machen: Wer war der Täter? Welche Anzeichen gab es? Wie kam es zur Tat? Zusätzlich führe ich Interviews mit Opfern, Hinterbliebenen und mit den Tätern, soweit sie überlebt haben. Auch mit den Eltern der Täter, was aber sehr schwierig ist - denn sie verweigern meist jedes Gespräch.
Sie werten auch Aufzeichnungen der Täter und ihre Tagebücher aus?
BANNENBERG: Ja. Dort sind oft diese ambivalenten Gedanken festgehalten: Auf der einen Seite das Bild eines depressiven Jungen, der sich alleingelasssen und gedemütigt fühlt, sich nach einer Freundin sehnt, aber es nicht wagt, Mädchen anzusprechen. Auf der anderen Seite ein Ausbruch von Wut, Hass, Rachegefühlen - und wie sich das langsam zu einem Plan fügt. Irgendwann taucht das Wort Amok auf.
All das baut sich nicht von einem Tag auf den anderen auf.
BANNENBERG: In der Regel schaukelt sich so etwas über zwei, drei Jahre auf. Irgendwann kommt der Punkt, wo einer zum ersten Mal eine Andeutung macht, etwa in einem Suizid-Forum im Internet. Oder Kontakt aufnimmt zu Leuten, die sich intensiv mit Amokläufen beschäftigen, etwa die Geburtstage der Täter feiern. Manche tauschen sich dann ganz offen aus: Wie kommen wir an Waffen? Reichen uns 300 Schuss oder brauchen wir 500?
Was stimmt in den Elternhäusern nicht, wenn so eine Entwicklung über Jahre nicht auffällt?
BANNENBERG: In diesen Elternhäusern gibt es selten Gewalt oder Vernachlässigung. In der Regel bemühen sich die Eltern um ein gutes Verhältnis - aber mit diesem Kind funktioniert das nicht. Man stellt in der Regel ein Nebeneinander fest. Die Jungen sind sehr verschlossen, ziehen sich in ihre Zimmer zurück, verbringen ihre Zeit mit Computerspielen. Und die Eltern lassen sie gewähren, scheuen jeden Konflikt.
Aber die Eltern müssen doch merken, dass hier etwas nicht stimmt?
BANNENBERG: Ja, das tun sie auch, aber sie verdrängen es, wollen es nicht wahrhaben, hoffen, dass es sich auswächst. Ich glaube, die Eltern sind vor allem hilflos. Viele haben wohl auch große Angst davor, stigmatisiert zu werden, wenn sie sich professionelle Hilfe holen. Sie versuchen, das Problem zu ignorieren. Genau das aber verschlimmert die Situation nur noch.
War Tim K. in ihren Augen ein typischer Fall?
BANNENBERG: Es gibt kleine Abweichungen, aber Tim K. war ein sehr typischer Fall. Bei Waffenbesitzern kommt oft eine besondere Komponente hinzu. Man fragt sich, wie sich das Verhältnis von Vätern, die Waffenliebhaber sind, zu Söhnen, die schwach und ängstlich sind, ausgestaltet. Sind das sehr männliche, dominante Typen, die einen schwachen Sohn nicht ertragen können? Der Vater von Tim K. hat offenbar inständig versucht, den Sohn voranzubringen und zu Erfolgen zu treiben. Das trug die Züge einer ständigen Gängelung, und als es nicht gelang, war der Vater extrem enttäuscht.
Wird so ein Kind in der Schule gemobbt?
BANNENBERG: Nein, sie sind nur sehr scheu und ängstlich, fühlen sich oft in der Schule überfordert. In der Regel verschärft sich das alles noch in der Pubertät. Mit der Zeit entwickelt sich daraus eine echte Persönlichkeitsstörung. Sie ziehen sich selbst von anderen zurück, bekommen keine Anerkennung, haben keine Freunde. Gleichzeitig kommt eine narzisstische Störung hinzu: Das Kind sieht sich selbst als Mittelpunkt der Welt, Empathie für andere fehlt meist völlig. Selbst kleinste Frotzeleien empfindet es nun als Mobbing und tiefe Demütigung. Die Hass- und Rachegedanken werden dann immer extremer.
Es gibt doch aber viele scheue Kinder.
BANNENBERG: Ja, das ist weit verbreitet und auch nicht schlimm, es kann aber zum Problem werden. Für die Zukunft wäre wichtig, diesen stillen und zurückgezogenen Kindern generell mehr Aufmerksamkeit zu schenken, so dass sie sich sicher, anerkannt und wohl fühlen können. Ein gutes Schulklima hilft hier sehr , und im Grundschulalter bestehen die besten Chancen zu intervenieren. Wenn die Spirale in Gang kommt und zum Beispiel starke Gedanken an Suizid da sind, wird es schwieriger. Doch auch in solchen Fällen gibt es immer noch die Möglichkeit zu helfen.
Es wird viel von Schulgewalt geredet. Die Amokläufer sind aber zuvor nie als Schlägertypen aufgefallen?
BANNENBERG: Nein. Im Gegensatz zu den aggressiven, gewaltauffälligen Schülern haben sie meist geradezu Angst vor körperlichen Auseinandersetzungen - wünschen sich aber umso mehr, stark und unverletzlich zu sein. Also geben sie sich in der Phantasie Rächerrollen hin. Schusswaffen werden da zum Symbol tödlicher Macht schlechthin.
Die Vernarrtheit in Waffen ist eine entscheidende Komponente?
BANNENBERG: Das ist das Mittel in der Fantasie, um anderen Angst zu machen.Wenn tatsächlich eine Waffe verfügbar ist, wird sie zum Risikofaktor. Hätte Tim K. keinen Zugang zu Schusswaffen gehabt, hätte er vielleicht eine Tat mit einem Messer begangen, aber es hätte nie so viele Tote gegeben. Die Opferfolgen von Schusswaffenverletzungen, gerade bei großkalibrigen Waffen, sind katastrophal.
Sie plädieren für Beschränkungen?
BANNENBERG: Ja - aber ich plädiere in diesem Fall auch noch für etwas ganz anderes. Ich glaube, wir sind in diesem Punkt den USA viel näher als wir glauben. Auch die Deutschen sind ein Volk von Waffennarren, obwohl immer so getan wird, als sei das nicht so. Die emotionale Diskussion darüber, Schusswaffen aus Privathaushalten zu verbannen, ist wenig fruchtbar. Mir scheint wichtiger, dass Waffenbesitzer sensibilisiert werden. Es ist unglaublich, wie groß das Unverständnis und Unvermögen vieler Väter, Großväter und Onkel ist, die Waffen im Haus haben. Sie können sich nicht vorstellen, dass ihre Kinder an diese Waffen gehen - und sie wehren solche Gedanken aggressiv ab. Da ist Aufklärung nötig.
Welche Rolle spielen brutale Computerspiele?
BANNENBERG: Sie verstärken die Gewaltphantasien. Die späteren Täter konsumieren das exzessiv: In ihrer Fantasie werden sie zu dem, der da schießt. Oft ist es für sie in Gedanken schon die eigene Schule, die da attackiert wird. Es ist schon ein Unterschied zu den Hunderttausenden, die in solchen Spielen gerne mal abtauchen. Denn hier sind es besonders gefährdete Charaktere, die sich gezielt diese Spiele suchen und mit ihnen verschmelzen.
Welchen Einfluss haben die übrigen Medien?
BANNENBERG: Sie spielen eine ganz entscheidende Rolle. Im Grunde kann man sagen, das heutige Amok-Problem ist vornehmlich auch ein Medien-Effekt. Der Amoklauf an der Columbine-Schule (USA) von 1999 war der erste, der weltweit enorm medienwirksam wurde. Fast jeder spätere Amokläufer hat sich damit beschäftigt. Dass so klar Bezug genommen wird auf andere Taten, dass sich tatgeneigte junge Menschen im Internet intensiv mit den Denkwelten der Täter beschäftigen, mit Abschiedsbriefen, Videos und anderen Texten, heizt ihre Entschlossenheit an. Der schwache Junge, der zum Rächer wird, möchte dann auch für seinen großen Abgang bewundert werden - und wenn alle Welt berichtet, scheint diese Logik aufzugehen.
Sie waren in der Verarbeitung des Amoklaufs von Winnenden in vielen Gremien gefragt. Ist die Gesellschaft sensibler geworden?
BANNENBERG: Ja, ich habe durchaus das Gefühl. Die Tat hatte Auswirkungen wie noch keine zuvor in Deutschland - auch die Zahl der Amok-Drohungen ist so hoch wie nie. Ich denke, der entscheidende Punkt ist der Umschwung im Denken der Lehrer. Viele sind sehr aufgeschlossen, wollen über Gewalt reden, wollen wissen, wie man damit umgeht. Es wird meiner Ansicht nach nur so gehen, dass man als Gesamtgesellschaft sensibler ist für das, was an den Schulen und mit Kindern geschieht. Wir müssen viel mehr aufeinander achten.
Info
Das Buch "Amok - Ursachen erkennen, Warnsignale verstehen, Katastrophen verhindern" (Gütersloher Verlagshaus, 17,95 Euro) von Britta Bannenberg ist kürzlich erschienen.
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Autor: ROLAND MÜLLER | 11.03.2010
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Erfurt, Winnenden, Ansbach, Ludwigshafen - nach Amokläufen an Schulen dominierte neben Trauer und Erschütterung vor allem Ratlosigkeit. Doch Kriminologen erkennen durchaus Muster und Chancen, rechtzeitig Einfluss zu nehmen. Foto: apn
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