Mediziner will neues Wissen nutzen, um Menschen zu vervielfältigen

Forscher haben gezeigt: Das Klonen menschlicher Zellen für Therapiezwecke ist möglich. Reproduktionsmediziner wie Panayiotis Zavos stehen bereit, die Technik zu nutzen, um Menschen zu klonen.

SASCHA KARBERG |

Bisher galt es als unmöglich, Menschen zu reproduktiven Zwecken zu klonen. Denn schon bei Mäusen benötigen Klon-Forscher Hunderte von Eizellen und müssen Missbildungen und Fehlgeburten in Kauf nehmen, um einen einzigen halbwegs gesunden Klon zur Welt zu bringen. Zwischen 2003 und 2005 versuchte der österreichische Klon-Forscher Karl Illmensee, einer partnerlosen Amerikanerin und vier Paaren zu geklontem Nachwuchs zu verhelfen. In der Reproduktionsklinik des griechisch-stämmigen Befruchtungsmediziners Panayiotis Zavos in Lexington, Kentucky, behauptete Illmensee, habe er mindestens neun menschliche Klon-Embryonen erzeugt und in die Gebärmuttern der Frauen eingesetzt. Das Duo infernale scheiterte aber und später räumte Illmensee ein, dass er sich habe hinreißen lassen - "extreme Neugier" habe ihn getrieben.

Nun hat Shoukhrat Mitalipov an der Oregon Health and Science University offenbar den Nachweis erbracht, dass Menschenklonen tatsächlich technisch möglich ist und das Rezept Anfang Mai im Fachmagazin Cell veröffentlicht. Die unabhängige Internetplattform PubPeer.com hat zwar inzwischen bei einer Überprüfung des Forschungsberichts schwere Formfehler entdeckt. Bilder wurden mehrfach verwendet und unterschiedlich beschriftet. Aber es ist offen, ob dies Schlamperei war oder das Experiment gefälscht wurde.

Die Frage bleibt, ob nun erneut Reproduktionsmediziner vom Schlage Zavos" versuchen, genetische Kopien lebender Menschen anzufertigen. "Natürlich werden wir jetzt wieder versuchen zu klonen", sagt Panayiotis Zavos der SÜDWEST PRESSE. "Wenn nicht wir, wird es jemand anders tun", das sei nur eine Frage der Zeit. Die Anfragen an ihn hätten nie aufgehört, erzählt Zavos. Es gebe Leute, die die Klon-Prozedur so sehr wünschen, dass sie willens sind, jeden Preis zu zahlen.

Das Risiko für Fehlgeburten und andere Komplikationen von Klon-Schwangerschaften spielt Zavos herunter und vergleicht es mit dem Risiko des Autofahrens oder Fliegens. "Wenn wir die Prozedur studieren und lernen, können wir besser werden und die Risiken minimieren." Er habe den idealen "geographischen Ort für unsere zukünftigen Arbeiten am menschlichen reproduktiven Klonen gefunden". Angeblich liege der aber "nicht in den USA oder Zypern", wo Panayiotis Zavos Befruchtungskliniken unterhält.

Unklar ist, ob Zavos tatsächlich zu derartigen Experimenten in der Lage ist und wen der Mediziner mit "uns" meint. Denn Karl Illmensee hat die Zusammenarbeit mit Zavos schon 2007 abgebrochen. Der Behandlungsort ist dagegen zweitrangig, denn unfruchtbare Frauen oder Männer reisen bekanntermaßen durch die ganze Welt, um ihren Kinderwunsch in Ländern mit laxen oder fehlenden Reproduktionsgesetzen durchzusetzen.

Ob das reproduktive Klonen mit Hilfe Mitalipovs Rezeptur allerdings funktioniert, ist noch zu beweisen. Mitalipov lässt die menschlichen Klon-Embryonen nur soweit heranwachsen, bis er embryonale Stammzellen "ernten" und für die therapeutische Gewebezucht nutzen kann. Ob diese Klon-Embryonen dazu taugen, sich in der Gebärmutter einer Frau einzunisten und sich dann normal entwickeln würden, ist unbekannt.

Doch die Wahrscheinlichkeit, dass sie es tun dürften, ist hoch. Denn offenbar ist die Qualität der Mitalipov"schen Klon-Embryonen so gut, dass nur zwei Versuche (zwei Eizellen) nötig sind, um eine Stammzellkultur herzustellen - bei Tieren waren es bisher Dutzende oder Hunderte von Versuchen.

Mitalipov betont, seine Klon-Methode lediglich für therapeutische Zwecke entwickelt zu haben - um aus den geklonten embryonalen Stammzellen eines Patienten erbgleiche Gewebe und Organe zur Transplantation züchten zu können, die vom Immunsystem nicht abgestoßen werden.

Damit konkurriert er mit einem anderen Verfahren, das ohne Klonen auskommt. 2006 entdeckte der Japaner Shinya Yamanaka, dass sich Hautzellen allein durch das Einschalten von vier wichtigen Regulations-Genen in Stammzellen rückverwandeln lassen. Diese so genannten iPS-Zellen sind den embryonalen Stammzellen so ähnlich, dass sich daraus ebenfalls nahezu alle Gewebe des Menschen herstellen lassen. Die 2012 mit dem Nobelpreis gewürdigte Technik bedarf weder aufwendig und invasiv zu sammelnder Spender-Eizellen noch müssen menschliche Embryonen getötet werden, um an die Stammzellen heranzukommen. In gut einem Dutzend klinischer Studien werden iPS-Zellen bereits als Therapie gegen Krankheiten getestet, sowohl gegen Nervenerkrankungen als auch gegen die Augenkrankheit Makuladegeneration.

Letztlich wird aber entscheidend sein, mit welcher Methode sich die besten Ersatzorgane züchten lassen. Denn dieser Entwicklungsprozess von der Stamm- zur spezialisierten Zelle ist alles andere als Routine. Noch immer genügen künstlich gezüchtete insulinproduzierende Zellen für Diabetiker oder spezielle Hirnzellen für Alzheimer- und Parkinsonkranke nicht den Qualitätsanforderungen für eine Transplantation. Denn es muss sichergestellt werden, dass keine einzige der Millionen von Retorten-Zellen defekt ist und zur Krebszelle entarten könnte.

Das jedoch ist derzeit nicht Shoukhrat Mitalipovs Problem. Sollten seine Forschungsergebnisse weiteren Prüfungen standhalten, wird er in die Geschichte eingehen als derjenige, der das Klonen von Menschen möglich gemacht hat. Was die Menschheit aus dem Wissen machen wird, wird sich zeigen.

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