Massengrab Lkw - Festgenommene nur Handlanger der Schleuserbande

Die Flüchtlingstragödie ist endgültig im Herzen Europas angekommen. 71 Leichen barg die Polizei aus dem Schlepper-Lkw nahe Wien. Und das skrupellose Geschäft auf der Balkanroute geht einfach weiter.

NORBERT ... |

Das Ausmaß des Grauens an der österreichischen Autobahn A 4 nahe der ungarischen Grenze hat alle Befürchtungen übertroffen. 71 tote Menschen birgt die Polizei aus dem auf dem Seitenstreifen abgestellten Lastwagen. "Es war ein Stapel lebloser Menschen", wird ein Polizeibeamter zitiert. Ursprünglich waren die Behörden von 20 bis 50 Toten in dem Lkw ausgegangen.

Vermutlich seien die 59 Männer, 8 Frauen und 4 Kinder im Kühlraum des Lastwagens erstickt, teilt der Polizeichef des Burgenlandes, Hans Peter Doskozil, mit. Die Untersuchungen liefen aber noch. Außerdem finden die Ermittler in dem Wagen Dokumente, die darauf hindeuten, dass zumindest einige der Flüchtlinge aus Syrien stammten.

Die Polizei geht davon aus, dass die Menschen schon zwei Tage tot waren, bevor sie gefunden wurden. Die Wände des Kühl-Lkw hätten keine Luft durchgelassen, das Kühlaggregat könnte ausgefallen sein. Ein sichtbarer Riss in der Seitenwand des Fahrzeugs lässt die Vermutung aufkommen, die Flüchtlinge könnten noch versucht haben, sich aus dem Laderaum zu befreien.

Bei der Suche nach möglichen Tätern präsentieren die Behörden rasche Ergebnisse. Sie nehmen in Ungarn den Halter des Lkw fest, einen Ungarn libanesischer Herkunft. Er hatte den Lkw im Vorjahr von einer slowakischen Geflügelfirma gekauft. Festgenommen werden auch zwei mutmaßliche Fahrer - ein Ungar und ein Bulgare. Sie gehörten zum Umfeld eines ungarisch-bulgarischen Schlepperrings, sagt Doskozil. Sie seien nur die "unterste Ebene" organisierter Kriminalität.

Das Geschäft mit der Flucht floriert. "Komm, komm, hopp, hopp, zehn Euro!", ruft ein dicker Mann mit einem weißen Sprinter einer Gruppe junger Männer, Frauen und Kinder aus Syrien zu. Noch kommt man mit dem Auto an manchen Stellen von der Ziegelei beim serbischen Subotica über die Grenze nach Ungarn. Vorausgesetzt, man kennt sich aus. Die serbisch-ungarische Grenze bietet mit die meisten Schmuggelkanäle in Europa - erprobt aus den 1990er Jahren, als Serbien unter Embargo stand und die ungarischsprachige Bevölkerung beiderseits der Grenze gut daran verdiente.

In Subotica sind die Preise moderat. Steht nächste Woche die erste Lage des Grenzzauns, dürften sie steigen. "Sollte die Grenze dicht sein", so eine Sprecherin des UN-Flüchtlingshilfswerks in Rumänien, " werden es Schlepper sein, die den Strom sofort umdirigieren." Dann winkt ein besseres Geschäft.

Überall an den Grenzübergängen und Sammelpunkten der Flüchtlinge auf der Balkanroute haben sich Märkte von tatsächlichen oder vermeintlichen Helfern etabliert, die Tipps und Tickets anbieten. Nicht alle Anbieter sind neu im Geschäft: Schon in den vergangenen 15 Jahren haben 1,2 Millionen Einwanderer für den Übertritt über Europas Grenzen 16 Milliarden Euro ausgegeben, hat das Netzwerk "Migrant files" errechnet. Ein großes Geschäft. Neulinge, oft Kleinkriminelle, wittern erst jetzt die Chance auf schnelles Geld, kaufen sich ein Auto, packen Flüchtlinge hinein und bringen sie über einen heimlichen Übergang.

Solange Eisenbahnzüge das Haupttransportmittel waren, blieb das Geschäft schwach. Schräge Gestalten an den Bahnhöfen verkauften ahnungslosen Arabern Fahrkarten, die sie problemlos und für den Bruchteil des Preises am Schalter hätten kaufen können. Als vor rund zwei Monaten in Mazedonien die Plätze im Zug knapp wurden oder, wie in Ungarn, scharfe Kontrollen eingeführt wurden, verlagerte sich das Geschäft auf die Straße. Übliche Transportmittel sind jetzt neben Pkw und Kleinbussen vor allem Klein-Lkw oder Kastenwagen.

Besonders rege war der "kleine Markt" in Gevgelija an der griechisch-mazedonischen Grenze, bis die Regierung sich vorige Woche entschloss, Flüchtlinge rasch und unbürokratisch per Zug und Bus gleich weiter bis kurz vor Serbien zu transportieren. Ähnlich wie in Libyen, wo Raub und Erpressung nach Berichten von Flüchtlingen gang und gäbe sind, nutzen von den Anbietern in Gevgelija viele die Wehrlosigkeit ihrer Kunden und das enorme Informationsgefälle aus.

Transportiert wird nur gegen Vorkasse. Wo man aussteigen darf, ob hinter oder vor der Grenze, entscheidet der Fahrer. Hinten im Kastenwagen kann man nicht sehen, ob man die Grenze passiert hat. Erzählt wurde von Fällen, wo Ortskundige einen ganzen Eisenbahnwaggon mit Flüchtlingen füllten, ihnen Geld abnahmen und sie dann auf ein Abstellgleis schoben. In einem Fall sollen Täter Flüchtlinge sogar so lange festgehalten haben, bis sie über Western Union neues Geld aus Syrien beschafft hatten. Die Gauner und Betrüger sind offenbar vorwiegend Mazedonier und Albaner, aber auch Bulgaren.

Vor allem in der Türkei und in Griechenland werden "Pakete" verkauft: Ein Direkttransport bis nach Österreich oder Deutschland. Ab Athen etwa besteht ein solches Paket aus drei Grenzübertritten zu je 800 Euro - Griechenland, Serbien, Ungarn. Um den ganzen Profit einzuheimsen und ihn nicht mit lokalen Schleppern teilen zu müssen, wagen die Paketanbieter oft besonders gefährliche Trips - über Autobahn und regulären Grenzübergang, aber versteckt etwa im Hohlraum einer Ladefläche. Organisiert werden die Transporte oft von Schleppern, die Arabisch sprechen, weil sie selbst aus der Region sind. Als Fahrer wählt man einen Landeskundigen, der im Auftrag fährt.

Die 71 Menschen, die an der österreichischen Autobahn tot aufgefunden wurden, dürften einem solchen Arrangement zum Opfer gefallen sein. Dafür spricht, dass sie offenbar noch in Ungarn versteckt gehalten wurden, obwohl sie den Schengen-Raum schon erreicht und keine weitere Grenzkontrolle mehr zu fürchten hatten. Möglicherweise war ihnen versprochen worden, bis nach Deutschland zu gelangen. In der Türkei werden solche Pakete für rund 10 000 Euro pro Person verkauft. "Drahtzieher" solcher Geschäfte säßen in Bulgarien, Rumänien, Ungarn oder Serbien, sagte Gerald Tatzgern vom Bundeskriminalamt in Österreich.

Verkäufer von "Luxuspaketen" meiden die Balkanroute und bieten stattdessen Flugreisen mit gefälschtem Pass an. Das Netzwerk "Migrants files" berichtet von einem Mann aus dem irakischen Mossul, der über Istanbul, Brasilien, Französisch-Guayana zurück nach Istanbul und dann nach Paris flog und dafür 16 000 Euro bezahlte - Schmiergelder inklusive.

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Strom von Schutzsuchenden

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Der Strom der Flüchtlinge reißt nicht ab. Auf der Flucht von Krieg und Gewalt suchen immer mehr Menschen Schutz in sicheren Ländern.

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