Malochen bis 75?

Kopenhagen.  Die Lebenserwartung steigt, die Renten sinken. In Schweden sorgt ein Denkmodell des Premiers Reinfeldt für Aufregung: Wer seinen Aufgaben nicht mehr gewachsen ist, soll umlernen - und arbeiten bis 75.

Sollen wir malochen, bis wir 75 sind? Mit einem Denkmodell hat Schwedens konservativer Premier Fredrik Reinfeldt die Debatte angeheizt: Mindestens ein Karrierewechsel im Berufsleben, lebenslange Weiterbildung und ein späterer Ruhestand sind die Eckpfeiler. "Wir werden mit 30 nicht das arbeiten, was wir mit 70 tun", sagt der Premier. "Aber wenn wir den Standard bewahren wollen, den wir uns erwarten, müssen wir länger werktätig bleiben."

Der sozialdemokratische Sprecher Tomas Eneroth nennt den Vorschlag eine Provokation. "Mit 75 kann ich keine Schaufel mehr heben", sagte ein im Fernsehen befragter Betonarbeiter, und eine Krankenschwester spottete: "Dann fahren wir mit dem Rollator von Bett zu Bett und teilen mit zittriger Hand Medizin aus." Er solle zu seinem 50. Geburtstag die Karriere wechseln und in die Altenpflege gehen, empfiehlt Bloggerin "Sara" dem 46-jährigen Premier. "Aber er sollte jetzt schon mit dem Krafttraining beginnen, damit sein Rücken das aushält." In einer Webumfrage lehnten 90 Prozent die Rente mit 75 ab.

Reinfeldt fühlt sich missverstanden. Seine Agenda heiße nicht: Verschleiß dich zu Tode. Arbeitnehmer mit physisch anstrengenden oder stressigen Jobs sollten umsatteln, dafür müsse ihnen der Staat mit Lohnsicherung und großzügigen Umschulungsprogrammen helfen. Auch ein 50-Jähriger solle Studienmittel erhalten. "Ein 55-jähriger Jobbewerber ist für den Arbeitgeber viel interessanter, wenn er sagt: ,Ich habe vor, noch 20 Jahre zu arbeiten." Jedes zweite Kind, das heute geboren werde, habe eine Lebenserwartung von 100 Jahren, sagt Reinfeldt. "Wenn wir länger leben und weniger arbeiten, schrumpft die Rente. Wollen wir das?"

Dabei hat Schweden schon heute mit 64,3 Jahren einen der höchsten europäischen Werte für den Arbeitsausstieg. Seit der letzten, international als fortschrittlich gepriesenen Pensionsreform gibt es kein festes Rentenalter, sondern ein flexibles zwischen 61 und 67 Jahren. Wer länger arbeitet, bekommt mehr. Die Rentenhöhe ist an die Wirtschaftsentwicklung gekoppelt. Doch das reiche nicht für einen anständigen Standard, warnt Reinfeldt. "Die Sozialdemokraten sagten: ,Wenn dein Job zu schwer wird, musst du in die Frühpension. Ich sage: ,Wenn dein Job zu schwer ist, bekommst du einen anderen."

Angesichts von 600 000 Erwerbslosen und einer Jugendarbeitslosigkeit von 25 Prozent sei nicht die Verlängerung des Berufslebens das dringendste Problem, meint der Gewerkschaftsverband LO. Die Regierung solle lieber dafür sorgen, dass die Menschen bis 65 arbeiten können. "Viele würden gerne länger jobben, schaffen es aber nicht, weil das Arbeitsmilieu so schlecht ist." Reinfeldts Modell begünstige die hoch Ausgebildeten auf Kosten der von LO vertretenen Gruppen. Heute gehen Akademiker durchschnittlich mit 65 in den Ruhestand, Grundschulabsolventen mit 61,7 Jahren und daher deutlich niedrigerer Pension.

"Reinfeldt beweist mit seinem Vorschlag, dass er nicht versteht, wie Industriearbeiter leben", sagt Anders Ferbe, der Chef der Metallgewerkschafter: "Einem Bergwerkarbeiter in Kiruna, der 25 Jahre lang unter Tage gearbeitet hat, kannst du nicht sagen: komm hoch und mach etwas anderes." Es sei gut, dass Reinfeldt ältere Menschen als Ressource ansehe, meint Curt Persson, der Vorsitzende des Pensionistenverbandes. "Aber die Wirklichkeit heute ist, dass viele nicht einmal bis 65 arbeitsfähig sind. Da kann ein Rentenalter 75 nicht ernst gemeint sein."


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Autor: HANNES GAMILLSCHEG | 09.02.2012

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