Leipzig bekommt Drogen nicht in den Griff
Leipzig. In Sachsen schnellen die Zahlen für Raubdelikte nach oben - vor allem in Leipzig. Landespolizeipräsident Bernd Merbitz profiliert sich mit Attacken gegen das Rathaus - als CDU-Bewerber für die nächste OB-Wahl.
Nirgendwo in Deutschland wächst die Zahl der Wohnungseinbrüche so rapide wie in Sachsen. Im letzten Jahr knackten Ganoven 3220 Türschlösser. Das sind gut 21 Prozent mehr als 2009. Auch die Zahl der Überfälle auf Geschäfte und Straßenpassanten schnellte sprunghaft nach oben. Klarer Spitzenreiter ist Leipzig. Nach Polizeiangaben wird hier fünfmal so oft eine Wohnung geplündert wie im nahezu gleich großen Dresden. Dem steht eine verheerende Aufklärungsquote entgegen. Nur jeder sechste Räuber wird in Leipzig geschnappt. Selbst in Görlitz, das unmittelbar an Polen grenzt, so dass Täter schnell jenseits der Neiße abtauchen können, kann jeder zweite Einbruch aufgeklärt werden.
Die Polizei der Messestadt steht so seit Monaten in Dauerkritik. Anfangs wirkte Leipzigs Polizeipräsident Horst Wawrzynski darüber zerknirscht-hilflos. Dann schob er das Phänomen auf eigene Erfolge. Denn dass seine Leute 2010 fast 25 Kilo Marihuana sowie 41 Kilo Heroin aus dem Verkehr zogen, habe die Preise für Drogen spürbar erhöht, sagt er. Das Gramm Heroin koste in Leipzig bis 30 Euro, teils schon darüber. Für das noch teurere Crystal, auf das viele Süchtige umstiegen, liege der Preis sogar zwischen 60 und 80 Euro. Und eben jene Explosion, so Wawrzynski, treibe sie dann verstärkt zu Überfällen und Einbrüchen: Sie beschafften sich so das Geld für ihre tägliche Dröhnung.
Vor dem Hintergrund mangelnder Fahndungserfolge attackiert die Polizei nun aber auch massiv das Leipziger Rathaus. Hier betreibe man eine "Wohlfühlstrategie" für Junkies, wetterte jüngst sogar Landespolizeipräsident Bernd Merbitz. Leipzigs Drogenpolitik sei "eine tickende Zeitbombe". Die Suchtberatungsstellen agierten bewusst gegen die Polizei. Hintergrund des harschen Vorwurfs ist das Präventionsprojekt "Drug Scouts". In dessen Rahmen erhalten Süchtige Faltblätter mit Tipps, wie sie sich bei Polizeikontrollen verhalten sollten.
Merbitz sieht darin eine "Kampfansage" gegen die Polizei. Und das locke immer mehr Junkies in die Stadt, lasse so die Beschaffungskriminalität anwachsen. Die Zahl der Süchtigen in Leipzig wird auf gut 1000 geschätzt.
Nebenher griff der Landespolizeipräsident den kompletten Leipziger Stadtrat wegen "fehlender Konsequenz" in der Drogenpolitik an, die Bürgermeister für Soziales beziehungsweise Ordnung, Thomas Fabian (SPD) und Heiko Rosenthal (Linke), sogar persönlich. Beide wiesen die Vorwürfe energisch zurück. Merbitz dramatisiere das Thema unnötig und verunsichere damit nicht nur die Bevölkerung und die Mitarbeiter der Drogenhilfe, "sondern vermutlich sogar seine eigenen Polizisten", so Fabian. In die Kritik am höchsten Polizisten stimmt auch die Leipziger FDP ein. Sie wittert in dessen Poltern deutlich den Wahlkampf. Denn in anderthalb Jahren wird in Leipzig ein neuer Oberbürgermeister gewählt - und hierfür gilt Merbitz als heißester CDU-Bewerber. Dank seines hohen Renommees, das er sich beim Zurückdrängen der gewaltbereiten rechtsextremen Szene in den 90er Jahren erwarb, soll er der Partei endlich aus ihrem Leipziger Dauertief helfen.
Der 55-jährige Merbitz hat eine wechselvolle Karriere hinter sich. In der DDR leitete er im Range eines Majors der Volkspolizei die Leipziger Mordkommission. Damals gehörte er der SED an. Nach 1990 wechselte er bald zur CDU, wurde erster ostdeutscher Staatsschutzleiter, dann Präsident einer Polizeidirektion. Seit 2007 ist er Landespolizeipräsident.
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Autor: HARALD LACHMANN | 28.05.2011
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Leipzig hat ein Drogenproblem: So zeigte die Polizeidirektion Leipzig vor einigen Monaten Rauschmittel im Wert von 90 000 Euro. Foto: dpa
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