Leiharbeit hemmt Integration
Frankfurt. Leiharbeit kann sich auf die gesellschaftliche Teilhabe von Migranten negativ auswirken. Als "Einzelkämpfer" können sie einer Studie zufolge kaum Kontakte aufbauen. Auch wird ihre Schwäche ausgenutzt.
Durch Leiharbeit werden die Chancen von Migranten auf Integration erschwert. Zudem sind ausländische Leiharbeiter oft zusätzlicher Diskriminierung ausgesetzt. Das sind die zentralen Ergebnisse einer aktuellen Studie, die die Otto-Brenner-Stiftung der IG Metall veröffentlicht hat. Unter dem Titel "Integrationshemmnis Leiharbeit" kommt die Soziologin Sandra Siebenhüter darin zu dem Schluss: Sprach- und Wissensdefizite werden bewusst genutzt, um aus der Arbeitskraft von Migranten "höchstmöglichen Profit" zu schlagen.
823 590 Leiharbeiter gab es laut Studie im zweiten Halbjahr 2010, im untersuchten Sektor Hilfskräfte lag der Anteil der Ausländer bei 18,2 Prozent. Siebenhüter führte für ihre Studie insgesamt 116 Interviews - mit Betroffenen vor allem osteuropäischer oder türkischer Herkunft sowie mit Betriebsräten, Arbeitgebern und Arbeitsmarktexperten in Bayern. Repräsentativ ist die Studie, die diese Problematik erstmals umfassender beleuchtet, damit nicht, zumal die Hälfte aller angefragten Leiharbeiter absagte - wohl aus Angst vor Repressalien, wie die Autorin vermutet. Dennoch werden Tendenzen sichtbar, etwa, dass Leiharbeit bei neu Zugezogenen das Gefühl der Unsicherheit noch verschärfe, anstatt einen Integrationsanker zu bieten. Auch zwinge sie den Arbeitnehmer in die Rolle eines "Einzelgängers", womit Migranten die für eine Integration wichtige Beziehungspflege vorenthalten werde. Weiter heißt es, dass Migranten, die schon länger in Deutschland leben, durch Leiharbeit sogar einer "bereits erworbenen Stabilität" beraubt werden. Desintegration statt Integration ist die Folge.
Dem Risiko der Diskriminierung unterliegen laut der Studie vor allem jene mit sprachlichen Problemen und Wissenslücken. "Unzureichendes Wissen über Arbeitnehmerrechte, tarifliche Einstufung, Arbeits- und Ruhezeiten (. . .), gepaart mit der Angst vor Repressalien und Sprachschwierigkeiten erleichtert es Verleihern und Entleihern, Migranten zu benachteiligen." So setzen Migranten mitunter ihre Unterschrift unter Verträge, welche vorsehen, dass sie bundesweit mobil sein müssen. Aber auch die Stammbelegschaft nutzt die Schwäche der Leiharbeiter. Eine ehemalige Betroffene berichtete, dass sich in ihrem Betrieb jeder Stammbeschäftigte gegenüber den Leiharbeitern "wie ein Chef" aufgeführt habe.
Ein weiteres, von einem Betriebsrat genanntes Beispiel verweist aber auch auf Schattenseiten im Verhältnis der Leiharbeiter untereinander: Zwei russischsprachige Brüder sollen demnach einer Verleihfirma eine Art "Aufpasserdienst" für ihre Landsleute angeboten haben - und im Gegenzug mit guten Aufträgen versorgt worden sein. Die "sehr großen und kräftig gebauten" Brüder wiederum wurden von dem Verleiher informiert, wenn es Ärger mit einzelnen Leiharbeitern gab.
Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar
Autor: TANJA WOLTER | 07.10.2011
| Artikel twittern |
|
|
In der Industrie boomt die Leiharbeit. Doch für die Integration kann sie hinderlich sein. Foto: iStockphoto
MEISTGELESENE ARTIKEL
Transporter rast mit hohem Tempo auf Wohnmobil
Langenau Noch unklar ist die Ursache für einen schweren Auffahrunfall am Donnerstag auf der Autobahn 7 bei Langenau, bei dem ein Transporter mit extrem hohem Tempo auf ein Wohnmobil auffuhr. Drei Menschen wurden dabei schwer verletzt, eine Katze wird vermisst.... mehr
Schwerer Vorfahrtunfall auf neuer Kreuzung bei Brenz
Weil eine Autofahrerin die Vorfahrt nicht beachtete, kam es am Dienstag zu einem verheerenden Unfall auf der neuen Bundesstraße 492: Die Unfallverursacherin wurde lebensgefährlich verletzt.... mehr
Schulbus durchbricht Leitplanke und kippt um
Burgrieden/Rot Der Fahrer eines mit elf Schülern besetzten Schulbuses ist am Donnerstagmittag von der Straße abgekommen, durch eine Leitplanke gebrochen und anschließend im Graben auf die Seite gekippt. Ein Großaufgebot an örtlichen und überregionalen Kräften von Feuerwehr, Rettungsdienst und Polizei musste zum Einsatz anrücken.... mehr
Ruf nach Heim ohne Waffen - Memminger Schütze knackte gesicherten Tresorraum seines Vaters
Memmingen/Stuttgart Nach dem Memminger Amok-Alarm fordern Grüne und Opferverbände ein schärferes Waffenrecht. Der 14-Jährige hatte Waffen des Vaters entwendet.... mehr
Fremde Feder - Hans Küng: Papst provoziert Ungehorsam
Auf dem alternativen wie auf dem offiziellen Katholikentag in Mannheim herrschten allgemein Unmut und Frustration über die Verschleppung innerkirchlicher Reformen. Im scharfen Kontrast dazu bereitet Papst Benedikt XVI. für Pfingsten offensichtlich die definitive Versöhnung der katholischen Amtskirche mit den traditionalistischen Piusbrüdern, deren Bischöfen und Priestern vor.... mehr

ZURÜCK
