LEITARTIKEL · RUSSLAND: Nase zu und durch
Moskau.
Moskau erstickt! Die Schlagzeilen der Medien über die Waldbrandkatastrophe in Russland klingen nach Weltuntergang. Sitzt man dagegen selbst im Moskauer Nebel aus Rußpartikeln und Kohlenoxiden, erlebt man das Ende der Welt eher als ärgerliche Widrigkeit: tränende Augen, ein Reiz in der Lunge.
Die Hauptstadtrussen sind stolz darauf, das sie extrem stress- und widrigkeitsresistent sind. Also Nase zu und durch. Nicht nur die Moskauer, die Masse der Russen, deren Dörfer und Häuser nicht unmittelbar vom Feuer bedroht werden, haben weder ihre individuellen noch kollektiven Verhaltensmuster auf Katastrophe umgestellt. Moskaus Bürgermeister mag seinen Urlaub in Österreich abbrechen, aber auch in dieser Not käme er nie auf die Idee, seinen Untertanen ihr liebstes Kind, das Automobil, zu verbieten.
Auch bei einer Smogbelastung, die die erlaubte Norm um das Sechsfache übersteigt, stürzen sich allmorgendlich Millionen Hauptstadtrussen in die Staus, in der Überzeugung, ein Auto mit Klimaanlage sei der beste Schutz vor allen Widrigkeiten der Natur. Dass ihr Verhalten direkt oder indirekt die widrigen Launen, die die Natur seit neuestem zeigt, mitverursachen könnte, die Russen glauben es nicht.
Im nationalen russischen Bewusstsein ist Natur etwas, von dem man mehr hat als genug. Ein riesiges sehr dünn besiedeltes Land, in dem Natur bis heute oft gleichbedeutend ist mit wegloser, manchmal sogar feindlicher Wildnis. Und alte russische Bauersfrauen sind einer Meinung mit national gesonnenen Geographen: Für uns wird der globale Klimawandel ein Segen, dann müssen wir nicht mehr jeden Winter gegen 40 Grad Minus anheizen. Und die Rohstoffschätze unter der sibirischen Permafrosterde können wir viel leichter bergen.
In einem Land, dem außer den größten Öl- und Gasreserven, mit der Taiga auch das größte zusammenhängende Waldgebiet der Welt gehört, ist Ökologie ebenso ein Fremdwort wie Ökonomie.
Autofahrer auf sibirischen Trassen schert es kaum, wenn die Taiga links und rechts in Flammen steht. Ebenso gilt die allsommerliche Rauchwolke über dem vor sich hin glimmenden Torffeld hinter der Stadt in vielen russischen Provinzmetropolen als ärgerliche, aber belanglose Widrigkeit. Und warum soll es jemanden jucken, wenn kurz vor Nischnij Nowgorod die Fichten entlang der Autobahn M 7, immerhin die Verlängerung der Strecke Paris-Moskau, lichterloh brennen? Fünf Autominuten weiter schlendert ein Straßenmädchen durch den Rauchnebel an der Strecke.
Russland ist drauf und dran, nicht nur seine Rohstoffe zu verscherbeln, sondern auch sein Ökosystem zu zerstören. Putins Staat hat die Ausbeutung der Wälder privatisiert, überlässt ihre Bewirtschaftung (und ihren Schutz) privaten Pächtern - überwacht von durch und durch korrupten Beamten. Ein Wunder, wenn die Wälder nicht brennen würden.
Nach Ansicht von Umweltschützern wurde die in der Sowjetunion noch gut funktionierende Forstbehörde praktisch liquidiert, ebenso wie die zentrale Luftaufklärungsflotte, die früher über den Wäldern patrouillierte. Umweltschützer gelten in Russland als zweifelhafte Randgruppe. Erst kürzlich wurde die Leiterin einer Waldschutzinitiative, die den Bau einer Mautautobahn in einem Forst nördlich von Moskau verhindern will, nach einer Pressekonferenz als mutmaßliche Extremistin verhaftet. Die Öffentlichkeit nimmt es achselzuckend zur Kenntnis. Ebenso die Verdoppelung der Sterblichkeitsrate in Moskau in den vergangenen Tagen.
Bevor das eigene Dach nicht über dem Kopf brennt, nimmt kaum ein Russe wahr, dass es brenzlig riecht in seinem Land. Das ist die eigentliche Katastrophe. STEFAN SCHOLL
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10.08.2010
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