LEITARTIKEL · ORGANHANDEL: Operation im Schatten

Appelle pro Organspende sind alltäglich. In diesen Tagen allerdings bestimmt ein "Skandal" am Transplantationszentrum in Göttingen die Schlagzeilen. Tatsache ist: Im deutschen Transplantationswesen liegt vieles im Argen.

KLAUS-PETER ... |

Appelle pro Organspende sind alltäglich. In diesen Tagen allerdings bestimmt ein "Skandal" am Transplantationszentrum in Göttingen die Schlagzeilen. Tatsache ist: Im deutschen Transplantationswesen liegt vieles im Argen. Eine Ahnung davon vermittelt eine fast 800 Seiten dicke Bestandsaufnahme, erstellt 2009 im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit. Diese Untersuchung bilanziert, was Fachleute gut, problematisch und reformbedürftig finden - eine Fundgrube und Pflichtlektüre, nicht nur für Politiker.

Die Bundesärztekammer (BÄK), heißt es in der Studie, "verweist auf Hinweise auf die Manipulation von Daten bei der Anmeldung von hochdringlichen Transplantationen". Vorschub leiste ein geringer Standardisierungsgrad bei der Organvergabe, insbesondere bei beschleunigten Vermittlungen von Lungen und Herzen.

Ob es bei Organzuteilungen stets korrekt zugeht, soll eine Kommission, angesiedelt bei der BÄK, stichprobenartig prüfen. Das Gremium, das auch die Vorgänge in Göttingen untersucht, arbeitet ehrenamtlich und diskret. Tätigkeitsberichte publiziert die Kommission nicht, und so erfuhr die deutsche Öffentlichkeit bisher lediglich, dass die Kontrolleure seit dem Jahr 2000 insgesamt 119 "klärungsbedürftige Vorgänge" überprüft haben.

Auftraggeber der Kommission sind neben der BÄK auch die gesetzlichen Krankenkassen sowie die Deutsche Krankenhausgesellschaft. Also liegt es an ihnen, endlich für mehr Transparenz zu sorgen und künftig umfassend über Regelverstöße und deren Aufarbeitung zu informieren.

Im Bericht des Gesundheitsministeriums offenbart die BÄK erstaunliche strukturelle Defizite: Der Kommission fehlten ausreichende Kompetenzen für Prüfungen in Transplantationszentren. Der Gesetzgeber solle daher überlegen, den ehrenamtlichen Kontrolleuren ein Überwachungsinstrumentarium an die Hand zu geben, das an der Strafprozessordnung orientiert ist. Bisher blieben die "wünschenswerten präventiven Wirkungen" jedoch in aller Regel aus - selbst wenn die Prüfer fündig wurden. Wiederholt habe man zur Kenntnis nehmen müssen, dass die zuständigen Behörden auf festgestellte Rechtsverstöße beim Organhandel keine Sanktionen folgen ließen. Dabei könnten mehr Kontrollbefugnisse und Strafen durchaus abschrecken.

Patienten, die auf ein fremdes Organ hoffen, dürfte vorrangig ein anderes Defizit interessieren: Mit Bezug auf diverse Staatsrechtler bemängelt etwa die bayerische Staatsregierung in der Bestandsaufnahme, dass unklar sei, welche Rechtsschutzmöglichkeiten für Schwerkranke bestehen, denen die Aufnahme auf die Warteliste verweigert wurde. Auch sei nicht ersichtlich, wie Vermittlungsentscheidungen der niederländischen Stiftung Eurotransplant überhaupt angefochten werden können. Die jüngste Reform des Transplantationsgesetzes hat an der mangelnden Durchschaubarkeit nichts geändert. Ausgerechnet der Göttinger Fall könnte das Problembewusstsein schärfen. Denn die Staatsanwälte ermitteln auch wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung. Dieser Straftatbestand könnte erfüllt sein, wenn Leberpatienten zu Unrecht bevorzugt worden sein sollten - und in der Folge andere Schwerkranke auf der Warteliste zurückgestuft wurden und gestorben sind.

Bleibt zu hoffen, dass die Experten Recht behalten, die mit Blick auf den Vorgang in Göttingen von einem Einzelfall sprechen. Allerdings war einer von ihnen Eckhard Nagel, der Direktor des Uniklinikums Essen - eben jener Klinik, dessen früherer Chef-Transplanteur 2010 zu drei Jahren Haft verurteilt wurde. Unter anderem wegen Bestechlichkeit und Nötigung von Patienten.

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