LEITARTIKEL · MISSBRAUCH: Die Lawine rollt

Der Zwischenbericht der Berliner Anwältin Ursula Raue bestätigt: In der katholischen Kirche ist eine Lawine ins Rollen gekommen, die Kraft hat, die Glaubwürdigkeit einer Institution mit hohem moralischen Anspruch schwer zu beschädigen. Immer mehr Opfer sexueller Übergriffe melden sich. Sie brechen jetzt ihr meist jahrzehntelanges Schweigen. Und sie werden gehört - möglicherweise zum ersten Mal überhaupt. Der Jesuitenpater Klaus Mertes hat die Lawine losgetreten und ans Licht gezerrt, was vorher vertuscht, verleugnet und beschönigt wurde: das schwierige Verhältnis der Amtskirche zur Sexualität.

Die publik gewordenen Vorwürfe wiegen schwer. Sexueller Missbrauch ist ein Verbrechen, das umso zerstörerischer ist, je enger die Beziehung zwischen Täter und Opfer war. Vertrauen und Zuneigung von Kindern und Jugendlichen werden niederträchtig ausgenutzt. Das belastet die Opfer oft ein Leben lang. Potenzielle Täter finden sich in allen Institutionen, die eng mit Kindern verbunden sind. In erster Linie in der eigenen Familie, in Vereinen, Kirchen, Jugendverbänden und Schulen. Dies darf nicht vergessen werden, wenn jetzt der Fokus ganz auf die katholische Kirche gerichtet wird. Ihre Mitarbeiter missbrauchen nicht öfter als Mitarbeiter anderer Institutionen - der Chef der Forensik an der Berliner Charité, Hans-Ludwig Kröber, geht vielmehr vom Gegenteil aus. Auffällig ist jedoch der Umgang der Institution mit den Verbrechen.

Der Versuch der Offenheit jedenfalls ist im katholischen Kosmos neueren Datums. Papst Johannes Paul II. hat ihn nach erschütternden Missbrauchsvorfällen in den USA 2003 mit einer Konferenz in Rom eingeleitet. Sein Nachfolger Benedikt XVI. bewegt sich in derselben Spur. Erst dieser Tage hat er die irischen Bischöfe nach Rom zitiert. Auch dort waren jahrzehntelang Missbrauch und Gewalt an Kindern vertuscht worden. Die Deutsche Bischofskonferenz hat 2002 ebenfalls Konsequenzen gezogen und Leitlinien zum Umgang bei sexuellem Missbrauch erlassen. Der Tragweite des Problems wird die in den Diözesen vom Ortsbischof auslegbare Selbstverpflichtung jedoch nicht gerecht.

So notwendig verpflichtende Regeln für den Umgang bei Missbrauch von Schutzbefohlenen sind, so zwingend ist auch eine offene Auseinandersetzung über das Verhältnis von Kirche und Sexualität. Während allgemein überwiegend Mädchen Missbrauchsopfer werden, sind in der katholischen Kirche Jungen die Hauptbetroffenen. Wohl nicht zufällig. Männerbünde in Priesterseminaren und Ordensgemeinschaften können tendenziell attraktiv sein für Männer mit unklarer sexueller Identität. Hier gewinnt Anerkennung und berufliche Existenz, wer ehelos lebt; hier können besondere Vertrautheiten unter Männern gepflegt und weibliche Elemente in Gesang und liturgischem Kleid gelebt werden. Die scharfe Abgrenzung von Sexualität gilt als Ausdruck von Entschiedenheit. Als ein Indiz für Angst vor der eigenen Sexualität wird sie offenbar zu selten gewertet.

Dabei ist ein kritischer Blick auf die sexuelle Reife von Priesterkandidaten notwendiger denn je. In allen Ausbildungsstätten sind verständnisvolle Therapeuten gefragt, nicht rigorose Zuchtmeister, die Studenten bei Verdacht auf Homosexualität aus den Seminaren verbannen. Wer Angst hat, wegen seiner Offenheit Glaubensgemeinschaft, Heimat und Lebensform zu verlieren, wird schweigen.

Unreife Sexualität bei Erwachsenen ist nach Auffassung von Psychologen gefährliche Sexualität. Die Amtskirche muss ihre Positionen dazu hinterfragen, auch beim Treffen der Deutschen Bischofskonferenz in der kommenden Woche in Freiburg. ELISABETH ZOLL


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20.02.2010

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