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LEITARTIKEL · MANDELA: Ein Symbol der Hoffnung

Es heißt, dass ein Prophet im eigenen Land wenig gilt, zumal wenn er noch lebt. Von Nelson Mandela kann man dies gewiss nicht behaupten.

WOLFGANG DRECHSLER | 0 Meinungen

Es heißt, dass ein Prophet im eigenen Land wenig gilt, zumal wenn er noch lebt. Von Nelson Mandela kann man dies gewiss nicht behaupten. Zu Tausenden sind die Südafrikaner in den vergangenen sechs Wochen vor das Krankenhaus in Pretoria gepilgert, wo der große Versöhner von Schwarz und Weiß seit sechs Wochen mit dem Tode ringt. Viele können sich ein Südafrika ohne den großen alten Mann, der heute 95 Jahre alt wird, nicht vorstellen. Nicht, dass das Land am Kap ohne ihn sofort zerfallen würde. Aber seiner 1994 neu gefundenen Einheit würde mit Mandela das Symbol genommen. Er ist längst zur Ikone geworden.

Dass sein Geburtstag in diesem Jahr auch international solche Wellen schlägt, liegt zum einen daran, dass es wohl sein letzter wird. Mandela ist sterbenskrank und wird künstlich beatmet. Noch wichtiger ist, dass Südafrikas Symbol für Frieden und Versöhnung für viele Menschen weit mehr als nur ein berühmter Politiker ist. Mandela hat fast immer so gehandelt wie sich viele Menschen ihre politischen Führer wünschen. Zum Erreichen eines Ziels waren ihm die Mittel dafür ebenso wichtig wie das Ziel selbst.

Die tiefe Zuneigung liegt aber auch daran, dass sich viele Südafrikaner angesichts der permanenten Machtkämpfe im Afrikanischen Nationalkongress (ANC) und der schwachen Führung durch den von Korruptionsvorwürfen geplagten Präsidenten Jacob Zuma nach einer Figur sehnen, die Hoffnung gibt. Mandela ist solch ein Mann. Er erinnert Südafrika an das, was möglich gewesen wäre - und an seine vielleicht größte Stunde. Schließlich hat er wie kein anderer dazu beigetragen, sein Land von den Fesseln der Apartheid zu befreien.

Bei aller Liebe und Bewunderung zeigt der schleichende Niedergang Südafrikas in den letzten zehn Jahren, wie schlecht seine Nachfolger das Erbe gepflegt haben. Dabei klingt seine Botschaft der Versöhnung heute lauter als zu der Zeit, als Mandela noch politisch aktiv war. Seine Werte gehören längst zum Kanon der Nation und sind der Leuchtturm für eine bessere Zukunft.

Umso deprimierender ist es, dass sich Mandelas ANC in Machtkämpfen zermürbt und führungslos dahintreibt. Jahrelang hatte allein Mandela die einstige Widerstandsbewegung kraft seiner Autorität zusammengehalten. Mit seinem Rückzug aus der Politik 2004 wurde deutlich, wie dünn dieser Leim war - eine Erkenntnis, die seine Lichtgestalt lange verdeckt hatte. Statt die Verfassung der Kaprepublik zu pflegen, fühlt sich der ANC in seiner Machtgier von ihr geknebelt und versucht, das Regelwerk zu unterminieren.

Zu lange haben sich viele Südafrikaner auf dem Weg in die Zukunft allein auf Mandela verlassen und ihrerseits zu wenig getan, um die junge Demokratie in den Köpfen und Herzen der Menschen zu verankern. Ein Vorbild wie Nelson Mandela kann in diesem Prozess zwar als Leitstern dienen aber auch bequem und träge machen. Zu spät dämmert nun vielen, dass das Symbol der Einheit ihres Landes eben doch kein politischer Wunderheiler ist, sondern ein Mensch aus Fleisch und Blut, der die tiefen Probleme Südafrikas nicht mit Handauflegen lösen kann. Selbst mit Mandela gibt es keine Instant-Demokratie am Kap. Diese ist vielmehr eine Geisteshaltung, die unter den Menschen wachsen muss.

Immer deutlicher hat sich zuletzt gezeigt, dass die Abschaffung der Rassentrennung zwar eine notwendige aber nicht hinreichende Bedingung für den Aufbau einer Demokratie ist. Der Titel eines Buches über Nelson Mandela - "Kein einfacher Weg zur Freiheit"- scheint nicht nur auf ihn persönlich sondern das ganze Land zuzutreffen. Denn jenseits der Apartheid fangen viele Probleme erst an.

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