LEITARTIKEL · KULTURERBE: Wem gehören Nofretete & Co?
Der Streit um Nofretete trübt, wie jüngst, seit 1924 immer wieder das Verhältnis zwischen Deutschland und Ägypten. Stets wirft er die Frage auf: Sollte kulturelles Erbe, das die Weltmächte des 19. und 20. Jahrhunderts aus damaligen Kolonien oder unselbständigen Staaten abgezogen haben, heute zurückerstattet werden?
Zu den Schätzen, um die sich Herkunftsländer und heutige Besitzer streiten, gehört auch der Parthenonfries der Athener Akropolis. Die Hälfte davon befindet sich im Britischen Museum. 1801 hatte der britische Botschafter im Osmanischen Reich, Lord Elgin, die später nach ihm benannten "Elgin Marbles" in Athen abmontieren und nach London bringen lassen.
Ein weiteres hervorragendes griechisches Kulturerbe steht auf deutschem Boden: der Pergamonaltar. Um 1880 von deutschen Archäologen in der heutigen Türkei ausgegraben, wanderte er - mit Billigung der osmanischen Regierung - nach Berlin. Auch seine Rückgabe wird gelegentlich inoffiziell gefordert.
Stets behaupten die jeweiligen Besitzer, der Erwerb sei rechtlich einwandfrei. Dass Griechenland zu Lord Elgins Zeiten noch von den Osmanen unterjocht war, spielt dabei keine Rolle - auch nicht, dass Ägypten zum osmanischen Reich gehörte, jedoch unter britischer Verwaltung stand, als die französisch dominierte ägyptische Altertümerverwaltung die Nofretete der Deutschen Orient Gesellschaft zusprach.
An der rechtlichen Seite hat auch die Unesco-Konvention zum Kulturgüterschutz von 1970 nichts geändert, in der es um die Rückgabe rechtswidrig ausgeführten Kulturguts geht. Die Rückgabe ist also in erster Linie eine moralische Frage.
Da könnte man freilich argumentieren, dass es unmoralisch ist, einer Nation ihr kulturelles Erbe vorzuenthalten, das, wie etwa Parthenon-Fries und Pergamon-Altar, von der osmanischen Besatzungsmacht an ausländische Großmächte verscherbelt wurde. Dem lässt sich jedoch entgegenhalten, dass dieses Kulturgut längst zerbröselt wäre, hätten die Archäologen es nicht in ihre Museen gerettet. So wurde der Pergamon-Altar vor seiner Bergung als Steinbruch benutzt.
Doch das ist längst vorbei. Griechenland hat vor einem Jahr sein Akropolis-Museum eröffnet, für das es vom British Museum die Elgin Marbles zurückfordert. Das Argument, in Athen fielen sie der Zerstörung anheim, wäre ebenso unzulässig wie der Kalauer, die Griechen würden die wertvollen Teile in ihrer Not ohnehin zu Geld machen. Der Einwand, das British Museum sei damit seiner größten Sehenswürdigkeit beraubt, kann wiederum den Griechen wurst sein. Und Nofretete? Deren Übergang in deutschen Besitz gilt ebenfalls als rechtens, wurde aber höchstwahrscheinlich durch deutsche List bewerkstelligt. In Kairo entsteht ein hochmodernes Nationalmuseum, zu dessen Eröffnung sich die Ägypter wenigstens die vorübergehende Rückkehr der Nofretete wünschten. Selbst die wird abgelehnt - mit der fadenscheinigen Begründung, der Transport sei problematisch.
Vielleicht muss man die Frage aber auch ganz anders stellen: Welchen Narren haben die Deutschen an Nofretete gefressen, dass sie sie nicht in ihre Heimat entlassen wollen? Ganz einfach: Sie hat seit ihrem ersten öffentlichen Auftritt 1924 einen derartigen mythischen Appeal entwickelt, dass die Deutschen sie geradezu libidinös für sich vereinnahmten: "Nofretete ist Berlinerin", titelte etwa die Berliner Zeitung am 19. Mai dieses Jahres. Sie ist längst zum Fetisch geworden. Die Fetische eines Volkes aber sind wesentlicher Bestandteil ihrer kulturellen Identität, und Objekte der kulturellen Identität sind durch die Unesco-Konvention zum Kulturgüterschutz von 1970 vor der Ausfuhr geschützt. Was, ihr Ägypter, sagt ihr dazu? HENNING PETERSHAGEN
Von den Deutschen
längst zum
Fetisch erkoren
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29.05.2010
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