LEITARTIKEL · KATASTROPHEN: Das Prinzip Skepsis
Ein Risiko bleibt immer. Bei jeder unserer Handlungen. Es ist manchmal größer und manchmal kleiner. Wir gehen es ein oder entscheiden uns dagegen. Wir wägen ab. Doch oft sind Menschen mit entgegengesetzten Interessen beteiligt. Das Abwägen wird Institutionen übertragen, in Expertenhand gelegt. Die Gesellschaft und damit jeder Einzelne sind Entscheidungen anderer ausgeliefert. Dennoch billigen wir die damit verbundenen Risiken.
Auch wenn unabhängige Wissenschaftler nach bestem Wissen und Gewissen eine Technologie entwickeln und diese mit getrennten Sicherheitssystemen versehen, kommt es aber zu Katastrophen. Flugzeuge stürzen ab, Züge rasen an Brückenpfeiler, Raumfähren explodieren, Atomkraftwerke havarieren, Ölplattformen gehen unter.
Das wird auch so bleiben, denn ein Restrisiko bleibt immer. Doch diese Erkenntnis darf nicht beruhigen. Ideenreichtum, Infragestellen, Hinterfragen können lebenswichtig sein. Wir müssen das Restrisiko akzeptieren, dürfen uns aber nicht damit abfinden. Auch deshalb, weil nie die Technik an sich schuld ist. Der Mensch und seine Entscheidungen sind der Schwachpunkt der Hochtechnologie. Zur Kernschmelze in Tschernobyl kam es, weil ein Chefingenieur experimentierte. Beim ICE-Unglückszug in Eschede wurden der defekte Radsatz nicht ausgetauscht und Hinweise auf Probleme nicht beachtet. Die Challenger explodierte, weil das Spaceshuttle trotz Bedenken von Ingenieuren bei zu niedrigen Temperaturen startete.
Menschen reagieren unkonzentriert, machen Fehler. Doch zwei Fehlerstränge finden sich in vielen Katastrophen: Befehlsstrukturen und Erfolgsdruck. Die Hitze-ICE des diesjährigen Sommers wurden wohl deshalb oft nicht gestoppt, weil sich Lokführer für nicht zuständig hielten und Zugbegleiter von der Transportleitung Druck bekamen, die Züge weiterfahren zu lassen. Das Loveparade-Desaster war vermutlich eine Konsequenz aus politischem Übereifer, wirtschaftlichem Ehrgeiz und fachlicher Inkompetenz. Ob Überheblichkeit beim Titanic-Untergang oder das abgeschaltete Sicherheitssystem beim Chemieunglück im indischen Bophal: Wer Technologie und Mensch allein unter das Diktat des wirtschaftlichen Erfolges stellt, darf sich nicht über Fehler wundern.
Heutige Unfälle haben oft nie dagewesene ökologische, finanzielle und weltpolitische Konsequenzen. Dies zeigt etwa der vermutlich betrunkene Börsenhändler im Mai, der die Kurse weltweit zum Absturz brachte. Anderes Beispiel: Wurde früher in 25 Metern Tiefe nach Öl gebohrt, sind es bald 7000 Meter.
Gleichzeitig schwinden weltweit Sicherheitsstrukturen. Kontrollmechanismen, die scheinbar den Erfolg behindern, gelten schnell als anti-liberal und überholt. Warum soll sich eine Großstadt von einem einzelnen Feuerwehrmann sagen lassen, dass eine Veranstaltung unsicher ist?
Georg Wilhelm Friedrich Hegel hat Widersprüche als nicht nur zulässig, sondern als erwünscht bezeichnet. Der Philosoph Hans Jonas hat dazu aufgerufen, die schlechtere Prognose der besseren vorzuziehen: Eine negative Zukunftsvision zeigt, was bei ungehemmtem Fortschritt der technischen Zivilisation auf dem Spiel steht. Zum Vorschein komme dasjenige am Menschen, das es zu bewahren gilt.
Die Minimierung des Restrisikos darf nicht auf dem Altar von Laissez-faire und globalem Wettbewerb geopfert werden. Innehalten, Überdenken und Kritik sind auch in einer Boomzeit sinnvoll. Eine Gesellschaft, die vieles lockerer nimmt als vor wenigen Jahrzehnten, muss hellwach sein, demokratische Strukturen bewahren und individuelle Einschätzungen stärken. Wir brauchen Skeptiker. THOMAS VEITINGER
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31.07.2010
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