LEITARTIKEL · FRÜHLING: Neues Glück

Ade. Adeeee! ADEEEEE!!! So einem halsstarrigen Zausel mit allenfalls angeschmolzenen Eiszapfen in den Ohren kann man das nicht laut genug zurufen. Winter, du fiese alte Frostbeule, komm bloß nicht wieder!

Sicher, auch der Lenz macht nicht auf Anhieb alles richtig. Statt sich sacht und leis zu nähern, im grünen Knospenschuh, baut er vermutlich erst mal seinen Triebstau ab: mit 32 Grad auf einen Schlag oder so. Aber Schwitzenmüssen ist immer noch besser als: schlottern, schippen, Salz streuen. Auto ausgraben, Gucklöcher kratzen, mit Karacho aus dem Schneehaufen (ehemals Parkplatz am Straßenrand) brechen. Bestimmt haben wir noch Splitt in den Schuhen im Mai.

Ganz zu schweigen von Körperverletzungen aller Art. Wie viele Leute in diesem Winter - Knochenbrecher, elender! - einen Unfall gebaut haben, ist statistisch wegen Masse nicht erfasst. So viele Knochenbrüche über einen so langen Zeitraum wie in diesem Winter habe er noch nie gesehen, berichtet ein Hamburger Unfallchirurgiechef. Und auch anderenorts wurde nicht selten "durchoperiert".

Wem hier was nicht passt, soll doch nach Haiti fahren, ätzt unterdessen Harald Schmidt. Schlechtes Wetter gibt es sowieso nicht, säuselt Sturmfetischist Jörg Kachelmann. Es gibt nur unpassende Kleidung, plappert es aus dem Volksmund. Und überhaupt, sinnfragt mancher Hobby-Philosoph, war es nicht irgendwie auch ganz gut, dass unsere automobile Gesellschaft mal wieder an ihre Grenzen gestoßen ist?

Ohne die Akkordarbeit der Winterdienste freilich wären auch all die passend angezogenen Durch- und Überblicker wohl kaum von A nach B gelangt. Allein auf die 1040 Autobahnkilometer im Südwesten wurden in diesem Winter 75 000 Tonnen Salz verteilt. Das sind 72 Tonnen pro Kilometer - doppelt so viel wie im langjährigen Schnitt. Abgesehen davon ändert jegliches Klugblabla rein gar nichts an unserer monatelang gewachsenen, innigen Abneigung gegen "schauerartigen Schneeregen", "zusammenbrechende Hochdruckbrücken" und "polare Meeresluft, die einen unbeständigen und nasskalten Witterungsabschnitt einleitet", und zwar einen nach dem anderen.

Wir sehnen uns, ach, einfach nur, in aller kindlich-unvernünftigen Inbrunst, nach des Frühlings Freud und Lust. Also nicht nach mickerigen zwei Tagen aufgelockertem Hochnebel. Sondern nach dem vollen jahreszeitgemäßen Romantikprogramm - inklusive Veilchen, die schüchtern zum Sonnenschein aufschauen, und Lerchen, die sich ins blaue Himmelszelt schwingen.

Apropos Vögel. Nicht alle sind schon da, ganz im Gegenteil. Etliche Zugvögel, dem Hungertod nah, hatten auf dem Weg zu ihren Brutplätzen im Norden wieder kehrtgemacht, um am Bodensee auf wärmere Zeiten zu warten. Die Zartbesaiteten unter den Vögeln haben das immer schon so gemacht, aber dass so viele so sehr schwächeln, sei äußerst selten, sagt ein Experte.

Was nichts anderes bedeutet, als dass dieser Winter allem, was kreucht und fleucht, tierisch an die Substanz gegangen ist. Um nicht zu sagen, aufs Gelege. Normalerweise sind Singdrosseln, Feldlerchen und Kiebitze um diese Zeit längst wieder in ihrer Heimat und ziehen ihre Jungen auf. Aber wer will schon Liebeslieder tirilieren, wenn einem dabei der Schnabel abfriert?

Obwohl. Den Schnabel aufreißen hilft manchmal doch, auch und gerade wehklagenderweise. Wenn uns nicht alles täuscht, spielt urplötzlich ein veritabler grüner Schimmer über Wies und Feld. Der große alte Nichtmeteorologe von Fallersleben scheint, o Wunder, mal wieder recht zu behalten. "Ja, nach langen Winterleiden, kehrt der Frühling uns zurück, will die Welt in Freude kleiden, will uns bringen neues Glück." Willkommen! GERLINDE BUCK


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20.03.2010

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