LEITARTIKEL ·ARBEITSMARKT KULTUR: Prekär, nicht poetisch

Aber das macht doch Spaß!" Jeder, der seinen Lebensunterhalt mit Malen, Spielen oder Tanzen verdient und sich auch nur zaghaft beklagt, kennt diese Reaktion - und hat feine Ohren für die Obertöne: Was Spaß macht, kann keine echte Arbeit sein.

LENA GRUNDHUBER |

Aber das macht doch Spaß!" Jeder, der seinen Lebensunterhalt mit Malen, Spielen oder Tanzen verdient und sich auch nur zaghaft beklagt, kennt diese Reaktion - und hat feine Ohren für die Obertöne: Was Spaß macht, kann keine echte Arbeit sein. Wer seiner Leidenschaft folgt, braucht kein Geld zum Glücklichsein. Dass Tanzende, Spielende, Malende von letzterem meist nicht allzu viel haben, wird mitleidig lächelnd zur Kenntnis genommen. Man hat sich gewöhnt an das Bild vom armen Poeten, an die romantische Vorstellung vom verkannten Künstler.

Die Realität jenseits des Spitzwegschen Bilderrahmens sehen viele ebenso wenig wie die Probenarbeit für eine Theaterproduktion oder die Korrekturfahne eines Romans. Mögen für eine Kerze von Gerhard Richter Millionen gezahlt werden - das Gros der Künstler hat wenig Geld. Nach Zahlen der Künstlersozialkasse kommt der Durchschnitt der freischaffenden Künstler und Publizisten auf knapp über 14 000 Euro brutto - im Jahr.

Tänzer und Schauspieler, wie sie noch bis heute Abend beim Landesfestival der freien Tanz- und Theaterszene in Stuttgart auftreten, liegen im Durchschnitt sogar darunter. Wobei die Frauen schlechter dran sind als die im Rest der Bevölkerung: Sie verdienen rund 30 Prozent weniger als männliche Kollegen, heißt es im "Report Darstellende Künste" von 2010. Auch der Bundesverband Bildender Künstlerinnen und Künstler (BBK) sieht schwarz: "Die Zahlen Bildender Künstler sind schlecht - und die Bildender Künstlerinnen miserabel."

Zugegeben: Dass Kunst-Diplom und Bausparvertrag nicht gut zusammenpassen, ist nichts Neues. Wer Wert auf Jahresurlaub und Eigenheim lege, sei falsch in einem kreativen Beruf, sagt Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats. Von Jammern hält er nichts, doch die Ergebnisse einer neuen Studie des Kulturrats zur Lage auf dem "Arbeitsmarkt Kultur" freuen ihn auch nicht. "An der prekären Situation ändert sich nichts, vieles spricht dafür, dass das noch zunimmt." Immer weniger seien festangestellt, so Zimmermann. Stattdessen gibts flockige Projektverträge, mit denen vor allem der Nachwuchs vorlieb nehmen muss. In der freien Szene kann sich auch das Prinzip von Angebot und Nachfrage frei entfalten. Es findet sich immer einer, der weniger verlangt.

Schwer genug, da einzugreifen. Doch etwas lässt sich tun: Wenn Kommunen bei ihren Theatern und Museen schon am künstlerischen Personal sparen, dann solle man die Kreativen wenigstens anders einbinden, findet Olaf Zimmermann. Will heißen: Lieber bringt ein Künstler Schulkindern moderne Malerei nahe, als Taxifahrer zu werden. Wenn Ministerpräsident Kretschmann wie gestern in Stuttgart eine wichtigere Rolle für Musik, Kunst und Kultur in den Bildungsplänen für Schulen in Aussicht stellt, könnte darin durchaus eine Chance für den Kulturbetrieb stecken.

Stipendien müssen nicht zwangsläufig für junge Künstler ausgeschrieben werden - es gibt auch ältere -, und Städte wie München und Stuttgart sollten sich ohnehin fragen, was sie nötiger brauchen: Noch mehr Luxus-Appartements, oder bezahlbaren Atelierraum für jene, die eine Großstadt zur Metropole machen. Loswerden wird man sie sowieso nicht. Zu den Inkonsequenzen dieser Welt gehört, dass eher mehr als weniger Leute in künstlerische Studienfächer drängen, wie Olaf Zimmermann sagt. In einer Gesellschaft, die sich von ökonomischen Zwängen regieren lässt, scheint Selbstverwirklichung besonders verführerisch. Denn es stimmt: Der Luxus einer eigenen Meinung, das Vergnügen interessanter Gesellschaft, die Befriedigung, etwas zu schaffen, sind ein Lohn. Nur die Miete kann man damit leider nicht bezahlen.

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