Kreml sucht nach Bauernopfern
Moskau. Die Feuerwalze in Russland hat nicht nur vielen Menschen den Tod gebracht, sie wird das Land auch wirtschaftlich schwächen. Die Verantwortung dafür, wird jetzt politischen Bauernopfern zugeschoben.
Die russische Hauptstadt atmet auf, zumindest leicht. "Ich ziehe weiter meine Atemmaske an, wenn ich aus dem Haus gehe", sagte die Computerdesignerin Maria Kristenko. "Aber endlich kann man die Sonne wieder sehen."
Die Smogwolke, die seit Tagen über der russischen Hauptstadt hing, lichtete sich gestern. Die Schadstoffkonzentration sank nach Angaben des russischen Gesundheitsministeriums auf das 1,3- bis 3fache des Grenzwertes. Hauptursachen dafür waren starker Wind und ein Regenschauer im Moskauer Südwesten. Die Torf- und Waldbrände östlich der Stadt konnten jedoch nur zu einem geringen Teil gelöscht werden. Allerdings erwarten Meteorologen für die nächsten Tage stärkere Regenfälle. Dies könnte die Lage entspannen.
Nach Angaben des Ministeriums für Katastrophenschutz gelang es, die Brände, die seit Wochen in Zentralrussland, dem Ural und Sibirien lodern, etwas einzuschränken. Gestern wurden offiziell 557 Waldbrände auf einem Gebiet von 174 000 Hektar gezählt. Doch konnte wohl ein Feuer in der Nähe der Atomaufarbeitungsanlage "Majak" im Gebiet Tscheljabinsk gelöscht werden. Nach offiziellen Angaben kamen bei den Bränden 52 Dorfbewohner und Feuerwehrleute ums Leben. Allerdings glauben Journalisten im Nischegorodsker Gebiet, das am heftigsten betroffen ist, dass die Zahl der Opfer höher ist.
In Moskau war die Zahl der Todesfälle von 360 bis 380 am Tag auf rund 700 gestiegen, wie der Chef der städtischen Gesundheitsbehörde Andrej Selzowskij erklärte. Nach offiziellen Angaben wurden 10 Prozent mehr Erwachsene und 17 Prozent mehr Kinder in die Krankenhäuser eingewiesen. Allerdings erklärte ein Moskauer Kinderarzt gegenüber Medien, er hätte doppelt soviel Kinder zu behandeln wie sonst, meist mit Hitzschlag oder Rauchvergiftungen. Es sei jedoch angeordnet worden, statt dessen Erkältungen und Allergien zu diagnostizieren. Bürgermeister Jurij Luschkow versprach, in den nächsten Tagen 10 000 gesundheitlich angegriffene Kinder an die bulgarische, ukrainische und russische Schwarzmeerküste schicken.
Wie viel die Brand- und Hitzekatastrophe die russische Volkswirtschaft kostet, ist ungewiss. Laut Interfax wird allein die russische Getreideernte um sieben Millionen Tonnen geringer ausfallen als im Vorjahr. Die Zeitung Kommersant zitierte unabhängige Wirtschaftsexperten, die damit rechnen, das russische Bruttoinlandsprodukt werde durch die Katastrophe auf jeden Fall ein Prozent Wachstum verlieren. Das entspricht etwa 15 Milliarden Dollar. Dabei sind laut Kommersant die ökologischen Langzeitfolgen noch nicht zu berechnen.
Politisch scheint das Unglück nur Bauernopfer zu fordern. Der Leiter der Forstverwaltung im Moskauer Gebiet wurde entlassen. Und der Nischegorodsker Gouverneur Waleri Schanzew schickte seine komplette Regionalregierung in den Ruhestand. Dabei ist Schanzew gerade erst selbst in seinem Amt bestätigt worden. Offenbar will die Staatsführung die Verantwortung für die landesweiten Flächenbrände auf drittrangige Beamte abwälzen. Und Präsident Dmitri Medwedew verlangt von der Öffentlichkeit, stillzuhalten: "Aus Unglück darf man kein politisches Kapital schlagen, vor allem, wenn die Staatsmacht nichts für dieses Unglück kann." Dabei haben nach Ansicht von Umweltschützern die Regierung und die Kremlpartei "Einiges Russland" mit dem 2006 verabschiedeten Waldkodex die regionalen Forstschutzbehörden praktisch selbst zerschlagen.
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Autor: STEFAN SCHOLL | 11.08.2010
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Trotz dichten Rauchs mit einer Sichtweite von unter 50 Metern befinden sich am Samstag immer noch zahlreiche Menschen in Moskau auf dem Roten Platz. Die Menschen in der größten Stadt Europas finden kaum noch Luft zum Atmen - und das bei der größten Hitzeglut, die die Stadt seit mehr als 140 Jahren heimsucht. Foto: dpa
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