Kaum mehr als Etikettenschwindel

Von freundlichen Worten hat Friedrich Schorlemmer genug. Er fordert Verbesserungen in der Ökumene. So lange Würdenträger der katholischen Kirche auf dem hohen Ross sitzen, bleibt er dem Kirchentag fern.

Herr Schorlemmer, Sie haben den bevorstehenden Ökumenischen Kirchentag jüngst als Etikettenschwindel bezeichnet. Was führt Sie zu diesem harten Urteil?

FRIEDRICH SCHORLEMMER: Für mich ist Ökumene etwas Substanzielles und nichts, das sich mit einer Überschrift begnügt. Die gemeinsame Vorbereitung eines Großereignisses hat noch nichts mit Ökumene zu tun. Die Frage ist doch: Was verbindet uns im gemeinsamen Zeugnis weltweit? Dazu gehört zentral, dass wir einander in unserer Unterschiedlichkeit anerkennen - ohne dogmatische Abwertung und Amtsarroganz. Dann können wir auch eine Gastfreundlichkeit haben, die das Innerste betrifft. Und das heißt, dass wir am Tisch des Herrn Brot und Wein teilen können.

Von beiden Kirchen wird aber zum Kirchentag das Gemeinsame betont.

SCHORLEMMER: Dafür habe ich auch Sympathie. Ich glaube selbst, dass uns mehr verbindet als trennt. Doch solange wir ausdrücklich ausschließen, dass die Katholiken der Einladung zum Abendmahl folgen können oder Protestanten der Einladung zur Eucharistie, habe ich die freundlichen Worte satt. Da bleibe ich lieber bei meinem Begriff: Etikettenschwindel. Deshalb gehe ich nicht auf den Kirchentag.

Heißt das, dass sich seit dem ersten Ökumenischen Kirchentag vor sieben Jahren in Berlin in der Substanz nichts verändert hat?

SCHORLEMMER: Ja. Damit sich etwas bewegt, müsste die katholische Kirche beim Amtsverständnis vom hohen Ross ihrer selbsternannten Heiligkeit runter. Sie ist zwar eine Organisation, die wir lieben können, doch steht auch sie mitten in der Welt. Das sieht man im Moment überdeutlich. Wenn man nach dem Kirchenlehrer Augustinus die sichtbare Kirche schon für die wirkliche Kirche hält, ist man auf dem Holzweg. Dieses übersteigerte Verständnis von Kirche und Amt, das die katholischen Würdenträger in ihren festlichen Verkleidungen vor sich hertragen, ist nicht zu fassen. Gegen diese äußerlich triumphierende Kirche hat sich schon Martin Luther gewandt.

Ist dieses Amtsverständnis der größte Bremsklotz in der Ökumene?

SCHORLEMMER: Ja natürlich. Die Bremser sitzen oben. In den Gemeinden ist es anders. Da schaut mich doch kein Katholik scheel an, wenn ich zu einem katholischen Gottesdienst gehe. Umgekehrt erfüllt ein evangelischer Gottesdienst für katholische Christen offiziell noch nicht einmal das Sonntagsgebot. Das ist doch ungeheuerlich.

Kann man nicht mehr oder will man nicht mehr können?

SCHORLEMMER: Man will nicht mehr können. Es geht dabei unterschwellig auch um eine Form der Alleinvertretungstheologie: Die anderen haben auch Wahrheiten, aber wir haben die Wahrheit. Auch wenn ich als evangelischer Christ die katholische Wandlungstheologie so nicht teilen kann, glaube ich, dass wir in der Erinnerung an die Mahlgemeinschaft des Herrn auf eine geheimnisvolle Weise miteinander verbunden sind. Ich halte es da mit dem Reformator Melanchthon: Alle haben teil an der Wahrheit, doch keiner hat die Wahrheit.

Sie sagen, in Kirchengemeinden ist ein Miteinander möglich, das auf höherer Ebene noch in Abrede gestellt wird. Was hat das für Folgen? SCHORLEMMER: Wir dürfen es uns als Kirchen nicht leisten, dass etwa bei konfessionsverschiedenen Paaren einer der beiden in der Kirche des Partners nur "geduldet" ist. Da müssen wir Christen eine andere Offenheit haben, auch offiziell. Sonst verdunkelt die Trennung unser gemeinsames Zeugnis.

Nur nach innen in den kirchlichen Raum?

SCHORLEMMER: Wenn einer den anderen nicht voll anerkennt, schadet das auch unserer Glaubwürdigkeit nach außen. Wir wollen für Gerechtigkeit in der Welt sorgen, erledigen aber unsere eigenen Hausaufgaben nicht. Dabei ist es so wichtig, dass wir Kirchen gemeinsam auftreten und Position beziehen - auch in Fragen der Ökologie oder der Gerechtigkeit. Da müssen wir Christen den Finger in die Wunde legen. Auch beim Kirchentag.

Friedrich Schorlemmer ist evangelischer Theologe, Publizist und Mitglied der SPD. Als Pfarrer in Wittenberg zählte er zu den Protagonisten der Oppositionsbewegung der DDR.


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Autor: ELISABETH ZOLL | 11.05.2010

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