Katalanen demonstrieren mit einer Menschenkette für die Abspaltung von Spanien

Die Menschenkette soll um 17.14 Uhr geschlossen werden. Für katalanische Nationalisten, die für die Abspaltung von Spanien kämpfen, ist das eine Erinnerung an den Verlust der Unabhängigkeit 1714.

MARTIN DAHMS |

"Das 21. Jahrhundert wird das Jahrhundert sein, in dem Katalonien seine Freiheit zurückgewinnen wird", sagte der katalanische Ministerpräsident Artur Mas am Montag. Ein in mehrfacher Hinsicht bemerkenswerter Satz. Mas gibt damit zu verstehen, dass Katalonien, die 7,5-Millionen-Einwohner-Region im Nordosten Spaniens, zurzeit in Unfreiheit lebt, in früheren Epochen aber frei gewesen sei - und dass dieser Zustand bald wieder zurückkehren werde. Unter "Freiheit" verstehen Mas und die meisten anderen katalanischen Nationalisten die Abspaltung ihrer Heimat von Spanien. Dafür wollen sie am heutigen Mittwoch entlang der katalanischen Mittelmeerküste eine fast 400 Kilometer lange Menschenkette bilden. Um 17.14 Uhr werden sich rund 400 000 Menschen zwischen El Pertús an der französischen Grenze und Alcanar am südlichen Rand Kataloniens an den Händen fassen und so für die staatliche Unabhängigkeit Kataloniens demonstrieren.

Warum um 17.14 Uhr? Nationalismus braucht Symbole, und die Zahl 1714 ist das emotional am stärksten aufgeladene Symbol des katalanischen Nationalismus. Am 11. September 1714 marschierten Truppen des damaligen spanischen Königs Philipp V. in der katalanischen Hauptstadt Barcelona ein, weil sich die Katalanen im spanischen Erbfolgekrieg auf die Seite eines Gegenspielers Philipps geschlagen hatten. Der Bourbonenkönig nutzte seinen Sieg, um die früheren Sonderrechte Kataloniens und anderer spanischer Regionen abzuschaffen. Aus Sicht der katalanischen Nationalisten markiert das Jahr 1714 das Ende ihrer Unabhängigkeit. Seit 1980 begehen sie am 11. September jedes Jahres ihren Nationalfeiertag, um an diese Niederlage zu erinnern - und um, Jahr für Jahr lauter werdend, die Abtrennung von Spanien zu fordern.

Die Geschichte ist ein machtvolles Instrument, mit dem sich je nach Bedarf Ansprüche für die Gegenwart ableiten lassen. Wer historische Argumente für die Zugehörigkeit Kataloniens zu Spanien sucht, wird mindestens ebenso leicht fündig werden wie derjenige, der das Gegenteil belegen möchte. Das moderne Spanien entstand aus einem Flickenteppich mittelalterlicher Königreiche, deren Nahtstellen bis heute sichtbar geblieben sind. Die Königreiche Kastilien und Aragón (von dem Katalonien wiederum ein Teilreich bildete) fanden im 15. Jahrhundert durch die Hochzeit der späteren katholischen Könige Isabella und Ferdinand zueinander. Ihre Verbindung schuf die Basis für ein kommendes spanisches Weltreich. Doch der Zusammenschluss war nie stark genug, um das Gefühl katalanischer Eigenständigkeit vollständig verloren gehen zu lassen.

Das Gefühl, anders zu sein als die (anderen) Spanier, entspringt vor allem aus der eigenen Sprache. Das Katalanische entwickelte sich, wie das kastilische Spanisch, im Mittelalter aus dem Lateinischen. Doch während das Spanische mit der Eroberung Lateinamerikas zur Weltsprache aufstieg, blieb das Katalanische eine Regionalsprache, bedrängt von der Macht Kastiliens und seiner Hauptstadt Madrid. Erst in den vergangenen Jahrzehnten, nach dem Ende der Franco-Diktatur 1975, stieg das Katalanische, staatlich gefördert, zur dominierenden Verkehrssprache in Katalonien auf. Und mit der Renaissance der katalanischen Sprache erstarkte der katalanische Nationalismus. So sehr, dass er sich heute nicht mehr mit Autonomie und kultureller Eigenart zufriedengibt, sondern auf staatliche Unabhängigkeit pocht.

Kataloniens nationalistische Regionalregierung von Ministerpräsident Artur Mas würde gerne im kommenden Jahr - 300 Jahre nach dem mythischen 1714 - ein Referendum unter den Katalanen über die Abspaltung vom Rest Spaniens abhalten. Sie beruft sich dabei auf das "Recht zu entscheiden", also auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker, wie es im Internationalen Pakt über bürgerliche und politische Rechte der UN verankert ist. Doch das Problem beim Selbstbestimmungsrecht der Völker ist die unklare Definition des "Volkes", also des Trägers dieses Rechts.

Der - mittlerweile verstorbene - liberale Denker Ralf Dahrendorf forderte deshalb schon 1989, dass der Begriff der Selbstbestimmung "aus dem Wortschatz der internationalen Politik" verschwinde. "Es ist ein Kampfbegriff, jedoch nicht im Kampf schwacher Einzelner gegen Mächtige, sondern im Kampf um die Etablierung von Macht", schrieb Dahrendorf seinerzeit in der "Zeit".

Dieser Kampf um die Macht wird gerade auch in Katalonien ausgetragen. Am Mittwoch wieder von 17.14 Uhr an.

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