KOMMENTAR · ABRÜSTUNG: Mit Zähnen und Klauen
Sehen wir es mal aus Sicht der Russen: Erst lässt ihnen Barack Obama, frisch gewählter US-Präsident erklären, Amerika wolle auf den "Neustart"-Schalter drücken, was das gemeinsame Verhältnis angehe. Dann erfreut er Moskau tatsächlich mit der Einsicht, das Antiraketenschild, das sein Vorgänger George W. Bush in Polen und Tschechien installieren wollte, sei wohl doch Unsinn gewesen. Aber die russischen Angebote, ihre Anlagen für das Abwehrschild gegen mögliche iranische Raketenangriffe zu nutzen, wollen die Amerikaner auch nicht annehmen. Und wenig später stellt Washington fest, dass sich seine Antiraketensysteme ja auch wunderbar in Rumänien und Bulgarien installieren lassen. Selbst wenn diese Systeme nur gegen Kurz- und Mittelstreckenraketen funktionieren, für Moskau sehen vertrauensbildende Maßnahmen anders aus. Die Russen neigen dazu, ihr Bild der Gegenwart mit dem der Vergangenheit abzugleichen. Und US-Antiraketensysteme klingen für sie auch heute noch nach Wett- und Totrüsten und nach dem Kollaps der Sowjetunion.
Mit anderen Worten, die Russen trauen Amerika nicht. Und sie kämpfen bei den Abrüstungsverhandlungen mit Zähnen und Klauen darum, dass zum neuen Start-Vertrag auch das Verbot einer einseitigen Antiraketen-Aufrüstung gehört. Die Amerikaner jedoch schinden Zeit und pokern, als gelte es noch immer die Weltherrschaft des Sowjetkommunismus zu verhindern. Dabei suchen sie doch die Hilfe eines neuen Partners bei der Befriedung Afghanistans oder der Zügelung des Irans. Aber offenbar glaubt Obama, hinterher könne er einfach noch mal auf den Neustart-Schalter drücken. STEFAN SCHOLL
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12.03.2010
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