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Jedes Zehntel zählt

Wird es für einen Studienplatz reichen oder nicht? Selten zuvor sahen sich Abiturienten einem solchen Konkurrenzkampf ausgesetzt wie heute. Die Hochschulen ächzen unter dem Bewerberansturm.

ANTJE BERG | 0 Meinungen

Sie kämpft um jedes Zehntel. Die Gymnasiastin Hanna weiß: "Je besser mein Abi-Schnitt ist, desto weniger Stress gibt es bei der Studienbewerbung." Seit Beginn der Kursstufe, deren Ergebnisse zwei Drittel der Abiturnote ausmachen, fühlt sich die 18-Jährige unter Druck. "Die Lehrer sagen: Es geht um eure Zukunft, jede Note zählt, jeder Ausrutscher zieht euch runter."

Hanna gehört zum doppelten Abitur-Jahrgang, den es im nächsten Jahr in Baden-Württemberg geben wird: Schüler des acht- und des neunjährigen Gymnasiums legen gemeinsam die Reifeprüfung ab. 75 000 Abiturienten statt der zuletzt 49 000 werden im Südwesten die Schule verlassen. Was sie dann erwartet, mag sich Hanna noch gar nicht vorstellen. Ihr genügt, was ihre Freundin erzählt, die im Juni das Abitur mit 2,5 bestanden hat: "Die will Politikwissenschaft studieren und hat bis jetzt nur Absagen bekommen. Nun hofft sie auf das Nachrückverfahren."

Was sie selbst studieren will, weiß Hanna noch nicht: "Ich hab den Kopf nicht frei für diese Entscheidung", sagt sie. Deshalb plant sie zunächst ein freiwilliges ökologisches Jahr im Ausland. Ihr Freund will in dieser Zeit mit "Work and Travel" nach Australien. Beide hoffen, dass sie so dem Ansturm des Doppel-Jahrgangs auf die Hochschulen entgehen können - doch diese Hoffnung wird sich nicht erfüllen.

"Der Run auf die Studienplätze wird anhalten", sagt der Berliner Bildungsökonom Dieter Dohmen. Nach Aussagen des Centrums für Hochschulentwicklung kämpfen derzeit statt der erwarteten 455 000 etwa 500 000 junge Menschen um die Chance zu studieren. Zehntausende dürften dabei leer ausgehen.

Warum der Ansturm? Da sind zum einen die doppelten Abi-Jahrgänge: 2011 in Bayern und Niedersachsen, 2012 in Baden-Württemberg, Brandenburg, Berlin und Bremen, 2013 in Nordrhein-Westfalen und Hessen. Zum anderen bringt das Aus der Wehrpflicht zusätzlich 60 000 Studienbewerber. Und: Die Studierneigung nimmt zu - ganz so, wie es die Politik seit Jahren fordert. Gingen 2000 noch 34 Prozent eines Jahrgangs studieren, waren es 2010 bereits 46 Prozent.

Bundesbildungsministerin Annette Schavan musste sich unlängst in einem "Focus"-Interview fragen lassen, welche Fächer sie mit ihrem Abi-Schnitt von 2,3 heute wohl noch studieren könnte. Für Theologie, meinte die CDU-Politikerin, würde es immer noch reichen. Schavan sieht die Universitäten gewappnet. Bund und Länder hätten im Hochschulpakt II beschlossen, von 2011 bis 2015 insgesamt 335 000 zusätzliche Studienplätze zu schaffen.

Doch ob das reichen wird? Die Hochschulen ächzen unter der Bewerberflut. 2010 haben sich in München 15 800 junge Männer und Frauen auf alle örtlich zulassungsbeschränkten Studiengänge an der Ludwig-Maximilians-Universität beworben, in diesem Jahr sind es 31 400. Für sie gibt es statt der bisherigen 4700 jetzt 6200 Studienplätze.

Die Nähe zu Bayern wirkt sich im Südwesten aus: In Ulm gingen 40 Prozent mehr Bewerbungen ein als 2010, in Tübingen 50 Prozent. Für das Lehramt Deutsch etwa gibt es dort 1070 Bewerbungen auf 300 Studienplätze, im Studiengang International Economics 1100 auf 90 Plätze. Den Anstieg erklärt Unisprecher Michael Seifert auch mit den vielen Mehrfachbewerbungen. Die Studierwilligen reichen ihre Unterlagen oft an einem Dutzend Universitäten ein, um ihre Chancen zu erhöhen: "Die Panik ist groß."

Mitunter treibt dieser Konkurrenzkampf seltsame Blüten: In Niedersachsen wiederholte eine erkleckliche Anzahl Schüler auf Anraten ihrer Eltern das erste Jahr der Kursstufe freiwillig, um dem doppelten Jahrgang 2011 zu entgehen und die Abi-Noten zu verbessern - ein Kniff, der im Südwesten so gar nicht erlaubt wäre. Die Massenflucht scheint sich nun an der Leibniz-Universität in Hannover bemerkbar zu machen. Dort rechnete man mit 35 Prozent Zuwachs, jetzt sind es 16 Prozent. Da auch hier neue Plätze geschaffen wurden, "können wir jetzt ganz entspannt sein", sagt Sprecherin Jessica Lumme. Das Beispiel zeigt, warum es sich lohnt, den Bewerberblick auch einmal etwas weiter schweifen zu lassen.

Nur noch ganz selten investieren Professoren heute Zeit und Mühe, um die Bewerber im Auswahlgespräch kennenzulernen - so wie an der Medizinischen Hochschule Hannover. "Wir suchen Persönlichkeiten für den Arztberuf", sagt Harald Friedrichs, Leiter des Studentensekretariats. Hier zählt die Abiturnote zur Hälfte, die Note im Auswahlgespräch ebensoviel. So kann man in Hannover auch im Jahr 2011 noch mit einer Abiturnote von maximal 1,7 zum Medizinstudium zugelassen werden - und das trotz eines bundesweiten Rekordes von 44 000 Medizinbewerbern.

Das Hickhack bei der Hochschulzulassung nennt Bernhard Kempen, Präsident des Deutschen Hochschulverbands, einen Skandal. Aus gutem Grund: So lange das Serviceverfahren für örtlich zulassungsbeschränkte Fächer nicht funktioniert, werden immer wieder tausende Studienplätze unbesetzt bleiben. 2010 waren es 17 000, blockiert durch notwendige Mehrfachbewerbungen. Torsten Rekewitz vom studentischen Dachverband fsz schimpft: "Die Abiturienten müssen ausbaden, dass die Politik zu lange geschlafen hat." Er rät, es immer wieder zu versuchen und so auch den Druck auf die Verantwortlichen zu erhöhen.

Noch vor einem halben Jahr hatte die damalige CDU-Kultusministerin Marion Schick versprochen: Jeder baden-württembergische Abiturient werde 2012 im Land studieren können. Theresia Bauer, neue Wissenschaftsministerin der Grünen, ist da vorsichtiger: "Ich hoffe, dass wir das verwirklichen können, aber sicher ist es nicht."

Um die Lage zu entschärfen, wurde unter der neuen Landesregierung jetzt die Zahl der zusätzlichen 20 000 Erstsemester-Studienplätze um 2000 aufgestockt. Außerdem stellt Grün-Rot einen Sonderfonds von 5,3 Millionen Euro zur Verfügung - für Hochschulen, an denen die Nachfrage besonders groß ist. Mit zusätzlichen 14,7 Millionen Euro soll der Aufbau von Lehrpersonal unterstützt werden.

Ob die Gymnasiastin Hanna und ihre Freunde davon profitieren können, wird die Zukunft zeigen. Eine ihrer Hoffnungen dürfte sich allerdings nicht erfüllen: "Ich dachte", sagt Hanna, "dass der Dauerstress nach der Schule endlich aufhört."

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