Homo-Ehe spaltet Italien

Erst im vergangenen Jahr verurteilte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte Italien wegen Missachtung der Rechte Homosexueller. Abhilfe ist schwer, das Thema spaltet Bevölkerung und Regierung.

BETTINA GABBE |

Der Versuch, nach mehreren gescheiterten Versuchen, homosexuelle Partnerschaften in Italien rechtlich anzuerkennen, spaltet Regierung und Gesellschaft. Der erbitterte Streit zwischen Gegnern und Befürwortern des vorliegenden Gesetzesentwurfs wird in hitzigen Debatten vor der Anfang Februar geplanten Senatsabstimmung ausgetragen. Bei zwei Großkundgebungen wollen beide Seiten noch vor der Abstimmung in Rom auf der Straße Flagge zeigen.

Die katholische Kirche Italiens leistet seit jeher erbitterten Widerstand gegen die Homo-Ehe. Daran ändert auch der Versuch von Papst Franziskus nichts, die harte Haltung des Vatikan gegenüber gleichgeschlechtlichen Partnerschaften aufzuweichen. "Wenn jemand schwul ist und guten Glaubens den Herrn sucht - wer bin ich, über ihn zu urteilen", hatte Papst Franziskus im Juli 2013 bei seiner ersten fliegenden Pressekonferenz auf dem Rückflug von Rio de Janeiro gesagt. Katholiken aus der Partei der Demokraten von Ministerpräsident Matteo Renzi wie Umweltminister Gian Luca Galletti wollen sich am "Family Day" gegen die Einführung eingetragener Lebenspartnerschaften beteiligen.

Italien wurde 2015 wegen mangelnder Anerkennung der Rechte Homosexueller durch den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) in Straßburg verurteilt. Die katholische Kirche befürchtet, das geplante Gesetz könne die Ehe zwischen heterosexuellen Partnern schwächen. Familien würden ohnehin zu wenig gefördert, meint der ehemalige Vorsitzende der Italienischen Bischofskonferenz, Kardinal Camillo Ruini. Es gebe viel wichtigere Probleme wie etwa die verbreitete Armut. Verglichen damit seien die Rechte von Homosexuellen irrelevant.

Dabei folgen selbst italienische Katholiken den Gesetzen der Kirche nur eingeschränkt. Auch wer zur Messe geht, nutzt selbstverständlich Verhütungsmittel und lässt sich scheiden. Doch das Misstrauen gegen Minderheiten aller Art, ob Homosexuelle oder Ausländer, sitzt tief. So sind gewalttätige Übergriffe gegen Homosexuelle am Kolosseum - gegenüber Roms berühmtester Schwulenbar - nur die Spitze des Eisbergs einer verbreiteten Homophobie. Ex-Präsident Silvio Berlusconi versicherte sich der Sympathien seiner Anhänger immer wieder durch Schwulenwitze.

Matteo Renzi verspricht, in diesem Jahr endlich die Gesetzeslücke zu schließen. Gegner in der eigenen Partei fürchten jedoch, homosexuelle Partnerschaften könnten der Ehe gleichgesetzt werden. Das verbiete ein Urteil des Verfassungsgerichts. Doch auch das Oberste Gericht entwickelte seine Interpretation der Verfassung mit der Zeit fort. In den 60er Jahren erkannte es noch einen Unterschied in der Beurteilung des Ehebruchs bei Frauen und Männern.

Romano Prodi, ebenso treuer Kirchgänger wie Renzi, scheiterte während seiner zweiten Amtszeit als Ministerpräsident 2007 mit der Einführung eingetragener Lebenspartnerschaften. Diesmal müsste eigentlich eine Mehrheit zustande kommen. Denn die Abgeordneten der Fünf-Sterne-Bewegung des Ex-Komikers Beppe Grillo stehen für die Rechte Homosexueller ein. Zahlenmäßig könnten sie die Stimmen der 30 Senatoren von Renzis Demokraten ausgleichen, die nicht zustimmen wollen. Doch sie tun sich schwer, aus der Fundamentalopposition herauszufinden.

Der Streit entzündet sich vor allem an der Adoption von Kindern eines der Partner. Um die annehmbar zu machen, wird eine verstärkte Ablehnung von Leihmütterschaften erwogen. Als möglich gilt auch, die Entscheidung über die Adoption nach zweijähriger Probezeit den Jugendgerichten zu überlassen.

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