Hoffnung für die Kinder der "Schande"

Für manche Kinder könnte der Start ins Leben nicht härter sein. Sind sie Folge eines "Malheurs" haben sie und ihre Mütter in Palästina kaum eine Überlebenschance. Ordensfrauen kümmern sich um sie.

ELISABETH ZOLL |

"Warum rufen Sie an? Man hat sie gerade umgebracht." Ein Knacken. Dann ist die Leitung unterbrochen. "Tut tut tut". Am Telefon bleibt Schwester Sophie Boueri, die Leiterin des Waisenhauses Crèche (zu deutsch: Krippe) in Bethlehem. Fassungslos. Das Schlimmste war passiert. Eine junge Frau war ermordet worden. Sie war hatte ein Kind geboren, ohne verheiratet zu sein. Auch für ihr Baby kam jede Hilfe zu spät. Aus Angst vor ihrer Familie hatte es die junge Mutter unter einem Baum in der Nähe eines Dorfes irgendwo in Palästina ausgesetzt und anschließend die Ordensfrauen der Crèche verständigt. Die vier Vinzentinerinnen sollten dem Baby eine Zukunft geben. Doch der Hilferuf war unpräzise. Vor den Ordensfrauen fanden wilde Hunde das in ein Tuch eingewickelte Kind.

Das Erlebte zehrt. Mit ihrer kleinen Hand streicht sich Sophie Boueri über das müde Gesicht. "Ich bin voll von furchtbaren Geschichten", sagt die gut in den 70ern stehende Ordensfrau. Doch das ist nur die eine Wirklichkeit. Die andere hat Beine, Arme, Augen, einen Mund. "Meine kleinen Vögel". Die aus dem Libanon stammende Ordensfrau strahlt. 55 Kinder sind den vier betagten Vinzentinerinnen anvertraut. 70 Kleine in der Tagespflege kommen hinzu.

Die Crèche ist mehr als ein Waisenhaus. Sie ist oft genug der letzte Ausweg für Frauen, die ungewollt schwanger sind. Die Ehre einer jungen Palästinenserin hängt an der Jungfräulichkeit. Ein "Malheur" wird weder in muslimischen noch in christlichen Familien akzeptiert. Wird die "Schande" sichtbar, sei es "jedem Bruder, jedem Cousin erlaubt, die Frau zu töten", sagt Sophie Boueri.

Auch die Liebe zum "falschen Mann" kann in Palästina in der Katastrophe enden. Muslimische und christliche Familien akzeptieren Verbindungen über die eigene Gesellschaft hinaus so gut wie nie. In solch einem Fall werde das Mädchen heute in christlichen Familien nicht mehr zwingend umgebracht, sagt die christliche Palästinenserin Faten Mukarker. "Doch sie stirbt in jedem Fall den sozialen Tod." Die Frauen werden von ihren Familien ausgestoßen, auch zur Abschreckung. Die Gemeinschaft der Christen sei zu klein, "als dass wir unsere Kinder verlieren könnten", betont die Mutter von erwachsenen Söhnen und Töchtern in einem Gespräch. Auf muslimischer Seite wird ähnlich gedacht. Seit die radikalislamische Hamas 2007 im Gazastreifen die Macht übernommen hat, haben ledige Mütter dort kaum eine Überlebenschance. Die Ehre wiegt mehr als ein Frauenleben.

Doch was tun, wenn die Folge einer verbotenen Liebe sichtbar wird? Wenn die "handgestrickten" Abtreibungsversuche nicht mit dem gewünschten Ergebnis enden und die Blicke der Familienmitglieder immer bohrender werden?

Dann hilft nur noch eine Frühgeburt. Sophie Boueri erzählt von jungen Frauen, die mit "undefinierbaren Schmerzen" ins Malteserkrankenhaus in Bethlehem kommen, das direkt mit der Crèche verbunden ist. Familienmitglieder wachen auch in der Klinik über die jungen Frauen. Nur im Vier-Augen-Gespräch haben sie eine Chance, sich den Ärzten anzuvertrauen. Ihre Hilfe ist ein Kaiserschnitt.

Das Malteserkrankenhaus ist mit einer 18 Betten großen Neugeborenen-Intensivstation auf solche "Notfälle" vorbereitet, schließlich ist die Klinik, die 1885 von den Vinzentiner-Schwestern gegründet wurde, heute das größte Geburtskrankenhaus im Westjordanland. Rund 3000 Kinder kommen hier jährlich auf die Welt - auch solche, von denen die Familien nichts wissen dürfen. In ihrem Fall ist die Geburt der letzte Kontakt zwischen Mutter und Kind. Ein späteres Wiedersehen würde alle gefährden - auch die Schwestern der Crèche, die sich um die zurückgelassenen Winzlinge kümmern.

Mit dem Überleben der Babys ist es jedoch nicht getan. Viele Kinder sind gezeichnet von den Monaten der Schwangerschaft. Die Abtreibungsversuche und die extreme Frühgeburt haben oftmals Folgen. Viele Kinder sind körperlich und geistig behindert. Andere starten mit einem Drogenentzug ihr Dasein in der Welt. Denn auch das ist Realität. In der Sittenstrenge der palästinensischen Gesellschaft hat sich Verwahrlosung breit gemacht. Der Krieg in Gaza Anfang des Jahres hat das noch verstärkt. Nicht wenige Frauen, ob ledig oder frisch verwitwet, sehen ihre einzige Lebensperspektive in der Prostitution. "Viele gehen nach Tel Aviv", sagt Schwester Sophie - illegal. Sie weiß es durch Anrufe der israelischen Polizei. Denn die Hoffnung auf eine gesicherte Existenz in der lebensfrohen Stadt erfüllt sich für die Palästinenserinnen kaum. Werden ihre Kinder aufgegriffen, landen sie nicht selten in der Crèche.

Die vier Schwestern tragen schwer an ihrer Aufgabe. "Unsere Kinder sind teuer." Die Operationen und die Pflege der Behinderten bezahlen sie mit Spenden. Anderer Hilfe verstellt oftmals die Bürokratie den Weg. Ohne Geburtsurkunden palästinensischer Behörden für die Waisen ist weder eine Auslandsadoption noch die Förderung der behinderten Kinder in ausländischen Spezialeinrichtungen möglich. An diesem Punkt verliert dann auch die Ordensfrau die Geduld. "Dann heule ich so lange, bis sich etwas bewegt." Das hat schon manches Bürokraten-Herz erweicht.

Info

Musa Ade - Hilfe für Bethlehem - unterstützt die Vinzentinerinnen unter dem Stichwort Crèche. Konto 5542189, Raiffeisenbank Straubing, BLZ 742 601 10

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