Hoffnung auf Lebenszeit
Organspende sei eine gute Sache, denken viele. Doch nur wenige haben einen Spendeausweis. Das liege an der Unsicherheit beim Thema Tod, sagen Klinikseelsorgerinnen am Transplantationszentrum in Berlin.
"Vier Jahre ist es her, dass ich hier war und eine Kerze für meinen Spender angezündet habe. Vier Jahre geschenktes Leben." Dankbarkeit spricht aus den Zeilen. "B. B." schrieb sie im Sommer in das Fürbitt- und Dank-Buch der Klinikkapelle auf dem Gelände der Virchow-Klinik der Berliner Charité. Ein Unbekannter schenkte mit seiner Einwilligung zur Organspende B.B. Lebensjahre. Freiwillig. Ohne Gegengeschäft. Nur aus Überzeugung.
Auf die deutsche Wirklichkeit bezogen ist "B.B." ein Glückspilz. 12 000 Menschen warteten im vergangenen Jahr auf ein neues Organ. 1296 Bundesbürger waren bereit, Herz, Nieren und/oder Lungen zu spenden. Die große Lücke fordert Politiker heraus. Die Fraktionschefs von CDU und SPD, Volker Kauder und Frank-Walter Steinmeier, wollen die Organspendenbereitschaft erhöhen. Sie werben jetzt in den Bundestagsfraktionen für die Entscheidungslösung. Auch Gesundheitsminister Daniel Bahr hat einen Gesetzentwurf erarbeitet.
Hintergrund ist das rätselhafte Verhalten der Menschen, die einerseits in großer Mehrheit (75 Prozent) Organspenden befürworten, doch nur zu kleinen Teilen (20 Prozent) einen Spendeausweis haben. Liegt es an der Bequemlichkeit, der Angst vor Verbindlichkeit oder an fehlender Information? Vermutlich nicht. Auch nachdem Frank-Walter Steinmeier durch eine Nierenspende an seine Frau das Thema in die Öffentlichkeit brachte, geht die Spendenbereitschaft zurück. Was also hält Menschen davon ab, das zu tun, was viele Mediziner, nicht wenige Politiker und beide große Kirchen einhellig befürworten?
Es sei die Angst vor einer Instrumentalisierung des Todes, sagt Martina Greve, evangelische Krankenhausseelsorgerin an der Virchow-Klinik in Berlin und verweist auf die ethische Seite des Themas. Zur Organentnahme muss der Hirntod eines Menschen festgestellt werden. Dann ist der Sterbeprozess unumkehrbar. Doch ist der Mensch zu diesem Zeitpunkt auch schon tot? "Jeder, der am Bett eines solchen Menschen sitzt, weiß, dass da noch keine Leiche liegt", sagt Christine Franke, Klinikseelsorgerin am Deutschen Herzzentrum in Berlin. Der Brustkorb hebt und senkt sich noch, die Haut ist warm. Es ist die Kluft zwischen der medizinischen Todesdefinition und einem in der Gesellschaft verankerten Verständnis vom letzten Atemzug, die Unsicherheit nährt. Jahrhundertelang markierte der Herztod das Lebensende. Erst 1968 wurde der früher eintretende Hirntod als Kriterium geführt. Er macht die Entnahme funktionsfähiger Organe möglich.
"Die Menschen haben das Gefühl, dass der Hirntod instrumentalisiert wird", sagt Christine Franke. Von einem "stillen Boykott" geht ihre Kollegin Greve aus. Moralischer Druck ändere das nicht. "Es gibt keine Pflicht zur Nächstenliebe über den Tod hinaus", sagt die Theologin. "Schwer kranke Menschen sterben, weil ihre Organe kaputt sind, nicht weil nicht genügend Ersatzorgane zur Verfügung stehen." "Unehrlich" und zweckgeleitet sei die öffentliche Debatte.
Nur auf einer freiwilligen, gutüberlegten Entscheidung liege ein Segen. "Ich danke meinem Spender für seine Niere und das wundervolle erste Jahr", schreibt ein anderer Unbekannter. Auch das ist Realität an der Charité: Die Euphorie der Kranken nach einer geglückten Transplantation und die Dankbarkeit dem Unbekannten gegenüber.
Christine Franke begleitet Kranke im Hoffen wie im Hadern, denn auch nach einer Operation bleibt der Transplantierte ein angreifbarer Mensch. Meist belasten die Nebenwirkungen jener Medikamente, die Abstoßungsreaktionen unterbinden sollen. "Die Schwere des Weges nach einer Transplantation ist den meisten Menschen nicht bewusst", sagt Martina Greve. Er erfordere die ganze Lebensenergie. Und Disziplin.
"Wir können ein krankes Organ austauschen, nicht aber ein krankmachendes Umfeld", räumt Thomas Mehlitz ein, Transplantationskoordinator an der Charité. 300 bis 400 Organe werden im Berliner Klinikum, dem größten Transplantationszentrum in Deutschland, jährlich verpflanzt. Es sind Lebenschancen, auf die allein in der Charité doppelt so viele Kranke hoffen. "Eine Wartezeit von 7 bis 10 Jahren für eine neue Niere ist sehr heftig".
Mit Sorge verfolgt der Transplantationskoordinator die rückläufige Spendenbereitschaft. "Polemik" bestimme die Diskussion und ungerechtfertigte Ängste. Beispielsweise jene vor Schmerzen, die ein hirntoter Mensch bei der Organentnahme empfinden könnte oder die Sorge nicht mehr optimal versorgt zu werden, wenn man als potenzieller Organspender identifiziert ist. Melitz hält beides für abwegig.
Doch selbst in der Ärzteschaft sind nicht alle Zweifel ausgeräumt. Nach Angaben des Nationalen Ethikrates sind derzeit nur 45 Prozent aller Kliniken in der Lage, potenzielle Organspender zu erkennen. Für viele Ärzte, so vermutet Melitz, sei die emotionale Belastung zu groß, über den aufreibenden Klinikalltag hinaus auch noch auf Angehörige von Sterbenden zuzugehen. Dabei hänge die Spendenbereitschaft auch von der Überzeugungsfähigkeit eines Arztes ab. Für Melitz ist in den Kliniken noch Potenzial, Organspender auszumachen. Dass dieses ausgeschöpft werden muss, ist für ihn keine Frage. "Jede gewonnenen zwei bis drei Jahre sind für die Kranken ein Gewinn, wenn man sich die Alternativen anschaut."
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Autor: ELISABETH ZOLL | 17.11.2011
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Ein Spenderherz kurz vor der Verpflanzung. Es war in eiskalter Flüssigkeit gelagert. Foto: dpa
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Kommentare (1)
Organspende - eine gute Sache?
den ehrlichen Versuch von Frau Elisabeth Zoll den Konflikt in der allogenen Transplantation beim Menschen in ihrem Artikel (Gibt es Nächstenliebe über den Tod hinaus?) bzw. (Hoffnung auf Lebenszeit) zu beleuchten möchte ich ergänzen durch Hinweis auf den offenen Brief der Ärztin Regina Breul vom 18. November 2011 an unsere Bundeskanzlerin (Offener Brief: Kritische Fragen zu Hirntod und Organtransplantation) und zitiere daraus den Satz:> "Der Bürger muss wissen, dass der hirntote Organspender allenfalls ein Sterbender im möglicherweise irreversiblen Hirnversagen ist."
Nicht nur, dass der Tod instrumentalisiert wird, es wird auch die Todesdefinition manipuliert. Es gibt weder den Herztod noch den Hirntod, sondern lediglich Herzversagen und Hirnversagen. Der Tod ist immer das Ergebnis von Multi-Organversagen. Absolut richtig, wichtig und ehrlich ist die Aussage von Christine Franke: "Schwer kranke Menschen sterben, weil ihre Organe kaputt sind, nicht weil nicht genügend Ersatzorgane zur