Hilfe für Missbrauchsopfer
Berlin. Die Arbeit beginnt jetzt erst, sagen die Verantwortlichen des Runden Tisches zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauch. Sie legten gestern ihren Abschlussbericht vor. Es gab deutliche Kritik.
Norbert Denef lässt kaum ein gutes Haar an dem Runden Tisch zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs. "Ich sehe wenig Positives", wettert der Vorsitzende des Netzwerks Betroffener von sexualisierter Gewalt. Seine Vermutung: Mit dem Runden Tisch, der gestern seinen Abschlussbericht vorlegte, habe die Politik nur Zeit schinden wollen nach dem Bekanntwerden vieler Missbrauchsfälle in der Kirche und anderen Institutionen Anfang 2010. Nun ist das Thema aus den Schlagzeilen verschwunden - und auf der Politik laste weniger Druck, Ergebnisse präsentieren zu müssen.
Betroffene ziehen natürlich eine besonders kritische Bilanz. Die drei beteiligten Ministerinnen Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (Justiz/FDP), Annette Schavan (Bildung/CDU) und Kristina Schröder (Familie/CDU) stehen auf der anderen Seite. Sie präsentierten ein durchweg positives Fazit der Arbeit. Tatsache ist, dass viel auf den Weg gebracht wurde - etwa eine Verlängerung zivilrechtlicher Verjährungsfristen. Aber wesentliche Vorschläge, die die mittlerweile ausgeschiedene Missbrauchsbeauftragte Christine Bergmann gemacht und der Runde Tisch übernommen hat, sind teuer und deshalb strittig.
Letztlich muss die Politik entscheiden, welche Vorschläge tatsächlich Realität werden. Und daran hakt es zum Beispiel gerade beim Thema Hilfen. Bergmann hatte sich für ein Hilfesystem ausgesprochen, um Opfer bei der Finanzierung von Therapien zu unterstützen, wenn kein anderer Träger dafür aufkommt. Institutionen sollen demnach die Kosten für ihre Opfer übernehmen. Für Opfer familiären Missbrauchs sollten nach Bergmanns Vorschlag Bund und Länder aufkommen. Doch die Jugend- und Familienministerkonferenz der finanziell klammen Bundesländer hatte sich jüngst dafür ausgesprochen, auf schon bestehende Möglichkeiten zurückzugreifen.
Die Empfehlungen zum heiklen Thema Entschädigungen - sie sind zu unterscheiden von den finanziellen Hilfen - sind windelweich. Es bleibt im Ermessen der betroffenen Institutionen zu entscheiden, wie hoch ein Schmerzensgeld sein soll - als Orientierung können dabei die Schmerzensgeldtabellen herangezogen werden, die auch vor Gericht angewandt werden. Damit dürften die Opfer also unterschiedlich entschädigt werden. Und Opfer von Missbrauch in Familien gehen definitiv leer aus - denn es gibt niemanden, der das Schmerzensgeld für sie zahlen würde.
Die Summe von 10 000 Euro, die ein Antragsteller maximal an Hilfen erhalten soll, stößt bei Opfervertretern auf Kritik. Sie sei viel zu gering, sagt zum Beispiel Christian Bahls von der Opfervertretung MOGiS. Er kritisiert auch, dass das Thema Aufarbeitung der Vergangenheit zu kurz gekommen ist. Ganz unrecht hat er damit nicht. Aber dies lag auch an der Konstruktion des Tisches. Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger hatte seinerzeit ein Gremium zur Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in der Kirche gefordert und war damit bei der Bischofskonferenz auf Granit gestoßen. Die Kirche arbeitete die Missbrauchsfälle in eigener Regie auf.
Später schlugen Familienministerin Schröder und Bildungsministerin Schavan einen eigenen Runden Tisch vor - aber auch mit Schwerpunkt Vorbeugung und nicht nur auf die Kirche gemünzt. Der dann eingesetzte Runde Tisch war schließlich ein Kompromiss aus alledem - und das spiegelt sich auch im Abschlussbericht wider.
Nun ist die Politik am Zug, die Empfehlungen umzusetzen. Es bleibt noch viel zu tun. Die Autoren des Abschlussberichtes betonen selbst: "Das Ende der Arbeit des Runden Tisches ist kein Schlusspunkt - es ist ein Anfang."
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Autor: BETTINA GRACHTRUP, DPA | 01.12.2011
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Die Bundesregierung wird sich an Hilfen für Missbrauchsopfer beteiligen. Das kündigten die Ministerinnen (von rechts) Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (Justiz, FDP) Kristina Schröder, (Familie, CDU) und Annette Schavan (Bildung, CDU) an. Foto: epd
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