Guter Zar aus einem Märchen

Am Sonntag wählen die Russen ihr Parlament. Am 4. März 2012 will Wladimir Putin zurück ins Präsidentenamt. Seine Partei "Einiges Russland" trommelt kräftig - auch mit großzügigen Geschenken fürs Volk.

STEFAN SCHOLL |

Der Kandidat verliert kein Wort über die Wahlen. "Lassen Sie uns darüber reden, was wir gemeinsam tun können, um unser Leben noch zu verbessern." Als erster steht ein Stahlgießer auf: "Wir alle wollen uns für Ihre Hilfe bedanken, für die Hilfe Ihrer Stiftung." Aber er habe auch eine Bitte, die Straße zum Kombinat bedürfe dringend einer Reparatur. Stary Oskol, Gebiet Belgorod. In der Aula des Oskolsker Elektrometallurgischen Kombinats sitzen 300 Leute, die meisten in blauen Arbeitsanzügen. Auf einer grauen Bühne steht Andrei Skotsch und antwortet: Die Regionalverwaltung werde 1,2 Milliarden Rubel für die Reparatur des städtischen Straßennetzes bereitstellen und 500 Millionen für die Straße zum Kombinat. Skotsch (45) ein Hüne im dunkelblauen Anzug, trägt keinen Schlips. Sein Gesicht ist offen wie das der meisten Zuhörer. Keiner, dem man ansieht, dass er seit zwölf Jahren in der Staatsduma sitzt. Und dass er laut Forbes mit einem Vermögen von 3,9 Milliarden Dollar zu den 24 reichsten Russen gehört. Jetzt redet eine Frau, auch sie bedankt sich bei Skotsch. Aber in ihrem Dorf müsse die Kirche zu Ende gebaut werden. "Sagen Sie den Leuten im Dorf, dass wir so bald wie möglich anfangen."

Fast scheint es, als hielten die Leute Skotsch für den guten Zar aus einem alten russischen Märchen. Skotsch schenkt allen kinderreichen Familien in der Region Autos. Später, in der Augenklinik, die Skotsch gebaut hat, wird ihm ein Veteran Reime vortragen, die er für Skotsch gedichtet hat. Und abends sitzt der Milliardär zwei Stunden mit Schülern und Studenten im Studio des Online-Jugendfernsehkanals "Sming.tv" und antwortet auf ihre Fragen. Skotsch finanziert auch "Sming.tv". Aber Skotsch ist nicht nur hier, um Wohltaten zu vollbringen. Überall in Stary Oskol hängen Wahlplakate der Staatspartei "Einiges Russland". Auf ihnen ist Andrei Skotsch häufiger zu sehen als Premier Wladimir Putin oder Präsident Dmitri Medwedew.

Das erste Mal kandidierte Skotsch 1999 in der Nachbarstadt Nowy Oskol, als unabhängiger Direktkandidat. Er holte auf Anhieb die absolute Mehrheit. Damals hieß es in der Presse, Skotsch sei ein Moskauer Gangster, er habe das Volk bei seinen Wahlauftritten mit Hilfe von Parapsychologen hypnotisiert. Aber wirklich stimmten die Leute wohl für Skotsch, weil er dem obersten Gebot folgte, das Russlands Wahltechnologen damals predigten: Es gewinnt, wer etwas für die Wähler tut, zumindest die Kinderschaukel vor ihrer Haustür repariert. Skotsch hat in den vergangenen 15 Jahren 150 Millionen Dollar ausgegeben, um Sportzentren zu bauen, Krankenhäusern Computertomographen zu stiften oder herzkranke Kinder operieren zu lassen.

Obwohl der Parlamentarier lieber über seine Gesetzesinitiativen spricht. Etwa das Gesetz, das Fernstudien auch für Schwerbehinderte möglich gemacht hat. "Auf die Idee hat mich die Enkelin eines Kriegsveteranen gebracht, den ich einmal besuchte", sagt Skotsch. "Das Mädchen saß im Rollstuhl." Böse Zungen vermuten, Skotschs Wohltätigkeitsprogramm diene auch dazu, das gemeinsame Business mit seinem 18 Milliarden Dollar schweren Seniorpartner Alischer Usmanow "sozial" abzusichern. Der Kreml erwarte, dass die Oligarchen mit guten Taten helfen, das Volk bei Laune zu halten.

Skotsch aber nennt andere Motive: "1994 habe ich Fünflinge bekommen", erzählt er bei einem Glas Mineralwasser zwischen zwei Wahlterminen. "Ein Junge ist gestorben, ein anderer wog gerade 630 Gramm. Kein russischer Arzt wollte helfen, in Deutschland bekam ich die Adresse einer Klinik in der Schweiz, die auf solche Fälle spezialisiert war." Damals habe er begriffen, dass die russische Realität vielen Neugeborenen keine Chance lasse. Und damals sei das Bedürfnis in ihm erwacht zu helfen.

Stary Oskol, 222 000 Einwohner, gilt mit seinen Erzgruben und den nach Europa exportierenden Stahlwerken als wohlhabend. Am Stadtrand leuchtet ein verschneiter Golfplatz in der Sonne. Aber in einem Hinterhof beim Rathaus wühlt eine alte Frau in einem Müllcontainer. Lehrer verdienen hier so viel wie Nachtwächter, umgerechnet 190 Euro im Monat. "Viele Rentner bekommen nur die Hälfte", räsoniert Viktor Kotschanow.

Der weißhaarige Kreissekretär der Kommunistischen Partei hofft auf bis zu 45 Prozent der Stimmen. Warum es in Stary Oskol keine Wahlreklame der Kommunisten gibt? "Die wird abgerissen", seufzt er. Man beschwere sich nicht offiziell darüber. "Ich sage meinen Jungs immer: Reißt doch die Plakate der anderen auch ab." Aber in Stary Oskol hängen nur Wahlplakate von "Einiges Russland". Mit denen, sagt Kotschanow, habe er sich darauf geeinigt, einen zivilisierten Wahlkampf zu führen. Nach einer Meinungsumfrage, die die Lokalzeitung Sori veröffentlichte, wollen 33 Prozent der Leute in der Region gar nicht zur Wahl gehen.

"Niemand interessiert sich für Politik", klagt Ludmila Drosdowa von der liberalen Jabloko-Partei. "Ich kenne sogar einen Kandidaten, der glaubt, er kandidiere für die Gebiets-, nicht für die Staatsduma." Sie befürchtet, am Wahltag werde massiv zugunsten von "Einiges Russland" betrogen. "Man setzt unsere Vertreter in den Wahlkommissionen bereits unter Druck: Entweder du unterschreibst nach der Auszählung, oder du bist morgen arbeitslos. Dann kannst du sehen, wie du deine Kinder ernährst."

"Einiges Russland" bekam bei den Duma-Wahlen 2007 gut 65 Prozent der Stimmen im Gebiet Belgorod. Nun drohen Umfragen, dass es 52 Prozent werden. "Wichtig ist nicht ,Einiges Russland", erklärt der Weltkriegsveteran Wladimir Semjonowitsch der in Skotschs Augenklinik umsonst operiert wurde. "Wichtig ist Skotsch." Der wohltätige Milliardär rettet seiner Partei auch diesmal viele Sympathien.

Skotschs letzte Worte vor den Metallarbeitern sind doch den bevorstehenden Duma-Wahlen gewidmet. Aber sehr knapp: "Ich bitte Sie nur: Folgen Sie bei der Stimmabgabe ihrem Gewissen." Nicht gerade heftige Werbung für die Staatspartei. Dafür prangt über der Bühne ein Plakat: "Die Metallurgen sind für das Einige Russland."

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