Gelüftete Schlapphüte

Bad Boll.  "Ethik der Geheimdienste" war eine Tagung der Akademie Bad Boll überschrieben. Es ging um moralische Grundsätze der Agenten.

Da behaupte noch einer, Spione hätten einen unmoralischen Beruf, eine Lizenz zum Töten und so. Gänzlich auszuschließen ist das zwar auch nach diesem Wochenende nicht, weil der britische Auslandsgeheimdienst MI6 einen großen Bogen um das kleine Bad Boll im Kreis Göppingen machte (und deshalb kein Wodka-Martini auf der Preisliste stand). Aber davon abgesehen: Was sind Agenten doch für hochmoralische Leute!

"Ethik für Nachrichtendienste in der Demokratie" war die dreitägige Tagung der Evangelischen Akademie überschrieben, die gestern endete. "In 99 Prozent der Geheimdienstarbeit" gehe es durchaus anständig zu, sagte die Tagungsleiterin, die evangelische Pfarrerin Kathinka Kaden. Zusammenarbeit etwa der Bundesnachrichtendienstler mit folternden ausländischen Kollegen - im Irak, in Guantánamo, Stichwort "Waterboarding", in geheimen CIA-Camps irgendwo in Europa? Aber nicht doch!

Kaden wollte mit dieser hochkarätig besetzten Konferenz dazu beitragen, "die Schlapphüte zu lüften", und mit ihr etwa der Autor Jan Goldman, Gründer und Herausgeber des Internationalen Journals für geheimdienstliche Ethik und Lehrbeauftragter an der Akademie des Federal Bureau of Investigation, kurz FBI. Goldman öffnet sich natürlich ein weites Forschungsfeld, denn wo sonst als in den Vereinigten Staaten von Amerika drängen sich so viele Geheimdienste auf so engem Raum? Goldman nimmt seine Arbeit ernst, schaut hinter Trenchcoat und Sonnenbrille und kann deshalb auch prompt auf die Frage antworten, ob es innerhalb der 16 Agencies so etwas wie einen Kodex gibt. Einen? Goldman: "16".

Rund 40 Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes (BND) und des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BVS) reisten nach Bad Boll, ehemalige zumeist, auf dass sie erführen, was ihnen bislang entgangen war. Etwa dass der durch und durch moralische israelische Mossad noch viel moralischer ist, als selbst Optimisten zu hoffen wagten. Dort werden altgediente Agenten schon entlassen, wenn sie statt in den Einsatz zu einem Liebesabenteuer verreisen. Ob man rund um den BND in Pullach tatsächlich die Stichprobe machen dürfte?


Kommentare (1)

31.10.2011 21:35 Uhr |   Thomas Henne

Korrekturen zum Tagungsbericht

Es ist natürlich zulässig, sich über ein Tagungsthema lustig zu machen. Das ist aber nicht überzeugend, wenn schon der Titel der Tagung nicht korrekt angegeben ist: Es ging um "Ethik der [nicht: für] Nachrichtendienste in der Demokratie". Das Bundesamt für Verfassungsschutz wird natürlich nicht "BVS" abgekürzt, sondern BfV. Und der BND weiß mit Sicherheit ziemlich viel über den Mossad, anders als im Artikel angegeben.

Ebenfalls anders als im Artikel angegeben, wurde die Zusammenarbeit von BND-Agenten mit "folternden ausländischen Kollegen" auf der Tagung ausführlich thematisiert, u.a. von Hans-Christian Ströbele (Grüne).

Es ist wohl kaum vorstellbar, daß Herr Ströbele zu der Tagung gekommen wäre, wenn sie als Feier "hochmoralischer Leute" geplant gewesen wäre. Und das Forum Justizgeschichte, für das ich als Vorsitzender an der Tagung teilgenommen habe, hätte die Tagung nicht unterstützt.

Fazit: Ironie ist schön und hilfreich, aber bei den Fakten sollte man schon bleiben.

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Autor: WOLFGANG RISCH | 31.10.2011

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