Freie Fahrt zu Olympia 2018

Stau macht den Gemeinden an der Route nach Garmisch-Partenkirchen zu schaffen. Unterirdische Umfahrungen sollen das Problem lösen - beschleunigt durch das Verkehrskonzept für Olympia 2018.

Frühsommer in den bayerischen Bergen. Von den Nordwänden der Alp- und der Zugspitze glitzern Schneereste, das satte Grün der Wiesen im Werdenfelser Land fügt sich mit dem Weiß-Blau des Himmels zu einer fast kitschig-idyllischen Alpenkulisse. Nur noch wenige Kilometer bis Garmisch-Partenkirchen. Aber es geht kaum vorwärts. Stoßstange an Stoßstange quält sich die Autoschlange durch das Loisachtal über die B 2 vom Autobahnende bei Eschenlohe bis Oberau und weiter Richtung Süden. Es ist das Nadelöhr für all diejenigen, die von München aus ins Wettersteingebirge oder weiter in Richtung Österreich wollen.

Für die Einheimischen ist dieser seit Jahrzehnten dauernde Wochenend- und Ferienstau eine Plage. Seit den 70er Jahren kämpfen die Oberauer für eine Ortsumfahrung, um endlich den Bergblick genießen zu können, ohne von Autolärm um ihre Ruhe gebracht und durch Abgase der frischen Luft beraubt zu werden. Jetzt hoffen sie auf Olympia 2018. Wenn München am 6. Juli in Durban gemeinsam mit Garmisch-Partenkirchen und Schönau den Zuschlag für die Winterspiele bekommt, könnte Oberau 2015 aufatmen: Eine unterirdische Westumfahrung der Gemeinde ist Teil des Verkehrskonzepts der Olympiabewerber.

Oberaus Bürgermeister Peter Imminger von der CSU ist zuversichtlich, dass die Entlastung so oder so kommt. Tatsache ist, dass alle im Bewerbungsplan enthaltenen Straßenprojekte "ohnehin geplante Maßnahmen" seien - was aber nicht heißt, dass diese in naher Zukunft realisiert werden. Der Bundesfernstraßenetat sei seit Jahren unterfinanziert, wodurch selbst Maßnahmen im vordringlichen Bedarf erst nach mehrjährigen Wartezeiten realisiert werden können, betonte Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU). Bei einer erfolgreichen Olympiabewerbung greife jedoch die gegenüber dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) abgegebene Realisierungs- und Finanzierungsgarantie. Dann will sich der Bund vor allem an den Verkehrsinfrastrukturmaßnahmen beteiligen und 582 Millionen Euro zuschießen. Zum Vergleich: 70 Millionen sollen für die Sportstätten lockergemacht werden, 11 Millionen für Umweltprojekte und 15 Millionen für die Paralympics.

Bei der Engstelle im Loisachtal ist es allerdings nicht allein durch die Westumfahrung Oberaus getan, die rund 1,9 Kilometer lang werden und geschätzte 137 Millionen kosten soll. Vielmehr soll sich dieser Tunnel dem Auerbergtunnel - rund 100 Millionen Euro teuer - anschließen, der von Eschenlohe, wo derzeit die Autobahn endet, knapp zwei Kilometer nach Oberau führen soll. Doch was würde es nützen, wenn der Verkehr flott bis vor Garmisch rollen und von da ab weiterhin den Ort verstopfen würde? Also müssten noch zwei Tunnel her: der Kramertunnel, rund 5,8 Kilometer lang und 133 Millionen Euro teuer für alle die Richtung Grainau nach Westen wollen, nach Reutte und zum Fernpass. Auf der anderen Seite würde der etwa 120 Millionen Euro teure Wanktunnel den Verkehr Richtung Mittenwald schlucken.

In München selbst wird seit Jahren über eine zweite S-Bahn-Röhre unter der Innenstadt diskutiert, da die S-Bahn-Stammstrecke hoffnungslos überlastet und störanfällig ist. Doch der Bau eines weiteren Tunnels ist mit geschätzten rund 2,4 Milliarden Euro so teuer, dass der Bund, der nach dem Gemeindeverkehrsfinanzierungs-Gesetz 60 Prozent der Baukosten übernehmen müsste, vier Jahre lang alle Mittel für sämtliche Nahverkehrsprojekte in den alten Bundesländern binden müsste, betonte Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU). Ein recht unrealistischer Plan. Es sei denn Olympia käme nach München. Dann, so Ramsauer, müsse man über "neue Finanzierungsstrukturen nachdenken".

Die Olympiaplaner versprechen vor allem auf öffentliche Verkehrsmittel zu setzen, und wollen so die Umweltverträglichkeit der Großveranstaltung unterstreichen. Der Ausbau der Schiene soll hier eine entscheidende Rolle spielen. Denn die Zugverbindung zwischen der Landeshauptstadt und der Marktgemeinde am Fuße der Zugspitze lässt derzeit noch arg zu wünschen übrig. Gerade mal stündlich kann man im Jahr 2011 von München ins Gebirge reisen, öfter soll es möglich sein, wenn hier das olympische Feuer brennt. Statt bislang 90 Minuten soll die Fahrt dann auch nur noch 70 Minuten dauern.

Die Olympiagegner überzeugen all diese Pläne keineswegs. Andreas Keller von der Gesellschaft für ökologische Forschung, der für "Nolympia" das Verkehrkonzept bewertet, findet: "Für die Spiele kann die bestehende Bahn wegen geringer Kapazität keine große Entlastung bringen." Aufgrund des kurzen zeitlichen Vorlaufs könne mit einer Realisierung von wirksamen Ausbaumaßnahmen der Bahnstrecken zu den Austragungsorten vor den Spielen 2018 nicht gerechnet werden. Auch für die geplanten Straßenbaumaßnahmen findet er mahnende Worte: "Das Loisachtal wäre für Jahre eine einzige Baustelle, fünf bis sechs Jahre Staub, Dreck und Lärm." Keller ist sich sicher, dass potenzielle Gäste sich "mit Grausen" abwenden würden. Auch prognostiziert er, dass nach dem Tunnelbau der Durchgangsverkehr um 30 bis 40 Prozent zunehmen würde, da diese Route für den alpenüberquerenden Transitverkehr rund 100 Kilometer kürzer sei als über Kufstein. Auch den beiden Tunneln bei Garmisch können die Olympiagegner nichts Positives abgewinnen. Ludwig Hartmann von den Grünen hält sie nicht für notwendig und verweist auf die "schlechte Bewertung des Nutzen-Kosten-Faktors" im Bundesverkehrswegeplan. Die Verkehrsprognose 2015 sei mit 13 000 Fahrzeugen am Tag für eine Bundesstraße eher gering. Die Entlastung für Garmisch sei dürftig und liege bei 25 bis 30 Prozent weniger Fahrzeugen an den kritischen Straßen.


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Autor: IRIS HILBERTH | 25.06.2011

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