Forscher sehen Sarrazin-Thesen widerlegt

Berlin.  Am Bestsellerautor und Ex-Bundesbanker Thilo Sarrazin scheiden sich noch immer die Geister. Ein Berliner Forscherteam hat sich mit seinen umstrittenen Thesen auseinandergesetzt - und sieht diese widerlegt.

Sie haben Thilo Sarrazins Thesen zur Zuwanderung und Integration überprüft. Wie genau nimmt er es mit der Wirklichkeit?

NAIKA FOROUTAN: Thilo Sarrazin hat mit seinem Buch den Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erhoben. In der Wissenschaft ist es gängige Praxis, nach allem zu suchen, was eine Hypothese bestätigt - oder widerlegt. In seinem Buch fehlen aber die zentralen Studien zum Thema "Muslime in Deutschland".

Worauf bezieht sich Sarrazin dann?

FOROUTAN: Auf den Mikrozensus. Der liefert lediglich Daten, die dann frei zur eigenen Interpretation sind.

Machen wir den Fakten-Check: Sarrazin behauptet, Deutschland werde dümmer, weil der Anteil muslimischer Zuwanderer zunehme und deren Bildungsgrad sich über Generationen hinweg nicht erhöht habe.

FOROUTAN: Diese These ist nicht haltbar. Richtig ist zwar, dass Menschen mit türkischem Migrationshintergrund weniger gebildet sind. 22,5 Prozent von ihnen haben Abitur oder Fachabitur. In der ersten Generation der Gastarbeiter waren es jedoch nur drei Prozent - eine gewaltige Entwicklung. In Bezug auf die Religionszugehörigkeit wird seine These noch angreifbarer: Menschen aus Afghanistan, Irak und Iran haben laut dem Mikrozensus zu 50 Prozent Abitur oder Fachabitur. Bei Menschen ohne Migrationshintergrund sind es 40 Prozent.

Sarrazin konstatiert, das Tragen von Kopftüchern nehme hierzulande über Generationen hinweg zu.

FOROUTAN: Er bezieht sich auf den Religionsmonitor der Bertelsmann-Stiftung. Der Verfasser dieser Studie sagte uns, Thilo Sarrazin habe als Quelle die Zahlen über die Zustimmung zum Kopftuch genommen. Hier liegt ein konkreter Fehler vor. Eine Studie, vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge beauftragt, zeigt vielmehr: Das Kopftuch-Tragen in Deutschland nimmt über die Generationen hinweg deutlich ab.

Laut Sarrazin sind Muslime überdurchschnittlich oft Hartz-IV-Empfänger. Liegt er falsch?

FOROUTAN: Nein. Dass aber 40 Prozent der Muslime von Transferleistungen leben, ist falsch. Wir haben im Mikrozensus - in dem übrigens die Religionszugehörigkeit nicht erfasst wird, sondern nur die Herkunft - nachgeschaut: Darin heißt es, dass 9,5 Prozent der Menschen mit türkischem Migrationshintergrund ihren Lebensunterhalt überwiegend über Hartz IV bestreiten. Bei den Menschen ohne Migrationshintergrund sind es 3,5 Prozent.

Und in Berlin sind es nicht Türken und Araber, die 20 Prozent der Gewalttaten begehen?

FOROUTAN: Wir haben den Berliner Polizeipräsidenten gebeten, Stellung zu beziehen. In einem Brief teilte er mit, dass es 8,7 Prozent sind. Berücksichtige man die Dunkelziffer, seien es 13,3 Prozent. Wir wollen nichts beschönigen: 13,3 Prozent ist eine katastrophale Zahl. Einzig: Thilo Sarrazin sagt immer, seine Zahlen habe bisher niemand entkräftet. Doch wir haben mit unserem Dossier viele Fehler und Missinterpretationen nachgewiesen.

Lernen wir aus Ihrer Kritik, dass Statistiken zu leicht für politische Absichten instrumentalisierbar sind?

FOROUTAN: Ja, durchaus. Statistiken sind an sich neutral. Entscheidend ist, wie sie gelesen werden. Ich als Sozialwissenschaftlerin habe nur die Studien, die es gibt, analysiert - und andere Ergebnisse gefunden. Da das die renommiertesten zu diesem Thema sind, verwundert es, dass sie im Sarrazin-Buch nicht vorkommen - zumal ich ihn persönlich vor der Veröffentlichung darauf aufmerksam gemacht hatte.

Der Soziologe Gunnar Heinsohn hat auch Ihnen "Irreführung mittels Statistik" vorgeworfen. Stellen Sie also auch nur "Ihre Wirklichkeit" dar?

FOROUTAN: Das ist eine große Missinterpretation. Die einzige Leistung, die wir mit dem Dossier vollbracht haben, ist, die bestehenden Studien zum Thema vorzustellen. Wir haben ja keine Daten erhoben und die Interpretationen sind Zitate aus den Studien selbst.

Info
Naika Foroutan (39) ist Politologin deutsch-iranischer Herkunft. Sie leitet das VW-Forschungsprojekt "Hybride Europäisch-Muslimische Identitätsmodelle" an der HU Berlin. Das Dossier "Sarrazins Thesen auf dem Prüfstand" gibt es kostenlos unter www.heymat.hu-berlin.de.


Kommentare (51)

25.01.2011 09:28 Uhr |   womo

Der Islam ist das Problem!

Sarrazins These läuft auf eine Kernbotschaft hinaus: Der Islam ist das Problem!

Christian Pfeiffer und sein „Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen e.V.“, nicht gerade als Sarrazins-Fans bekannt, haben ihn jetzt eindrucksvoll bestätigt. Eine mit Fördermitteln des Bundesinnenministriums durchgeführte Repräsentativbefragung von 45 000 Schülern neunter Klassen brachte, neben manchen anderen Multikulti-sprengenden Wahrheiten, die folgende Tatsache ans Licht:

Christliche Schüler mit „Migrationshintergrund“, die sich als „sehr religiös“ bezeichnen, begehen zu 12 Prozent strafrechtliche Gewaltdelikte. Bei den muslimischen sind es fast doppelt so viele (23%)!

Pfeiffers alarmierender, für Korankenner freilich nicht überraschender Befund: „Für junge Muslime geht die zunehmende Bindung an ihre Religion mit einem Anstieg der Gewalt einher.“

Wohlgemerkt: Wir reden hier von der dr i t t e n muslimischen Einwanderungsgeneration.

W. Moser, Fichtenau
25.01.2011 11:30 Uhr |   rn2099

Äpfel und Birnen

Fraglich, ob das ein sinnvoller Vergleich ist. Christliche Einwanderer kommen ja meist auch aus anderen Ländern als muslimische. Da kann man schlecht behaupten, es liegt nur an der Religion - es kann genauso an den sozialen, Bildungs-, usw. Verhältnissen in den Herkunftsländern liegen. Ein Christ aus (z.B.) Rumänien unterscheidet sich ja wohl nicht nur in der Religion von einem Muslim aus (z.B.) Ägypten.
25.01.2011 13:10 Uhr |   womo

Apfelbrei

Weil, so schließt er messerscharf, nicht sein kann, was nicht sein darf (Morgenstern).

1. Die unterschiedliche Gewaltdelinquenz betrifft christliche und muslimische Migranten aus ein und demselben Herkunftsländern gleichrmaßen.

2. Bei Migranten der dritten Generation treten unterschiedliche Verhaltensweisen zur autochthonen Bevölkerung üblicherweise kaum noch in Erscheinung – es sei denn, es handelt sich um solche muslimischen Glaubens. Bei ihnen – Ausnahmen bestätigen die Regel – geht die Entwicklung sogar in die entgegengesetzte Richtung: je länger im Land desto weniger integriert.

Aber wahrscheinlich liegt das nicht am Koran, sondern daran, daß ihnen vom Schweinefleischgeruch in den Einwanderungsländern permanent übel ist.

W. Moser, Fichtenau

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Autor: OLIVER HEIDER | 21.01.2011

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