Forscher als Diplomaten
Die deutsch-israelischen Beziehungen sind gut, aber speziell. Der Chemiker Otto Hahn begründete den Dialog der Wissenschaftler beider Länder. Bildungsministerin Schavan wurde in Jerusalem geehrt.
Der Blick vom Amphitheater der Hebräischen Universität Jerusalem geht in die Weite. Auf dem Podium des Theaters stehen Wissenschaftler, die mit ihren Arbeiten die Zukunft des Landes und der Region zum Besseren führen wollen. Aber auch die deutsche Bildungsministerin Annette Schavan. Sie wurde gestern von der Hebräischen Universität Jerusalem mit der Ehrendoktorwürde ausgezeichnet. Seit vielen Jahren setzt sie sich als Politikerin und Wissenschaftlerin für eine Vertiefung der deutsch-israelischen Beziehungen ein. Die Auszeichnung ist eine Besonderheit - für die Ministerin und für Deutschland. "Israel hat es möglich gemacht, dass Deutschland mit ihm Kontakt aufnehmen konnte," erinnert Annette Schavan.
Selbstverständlich war das nicht. Der 1948 von David Ben Gurion ausgerufene neue Staat Israel hatte wahrlich andere Prioritäten, als mit dem Land, in dem Millionen Juden ermordet worden waren, ins Gespräch zu kommen. Die lebendigen Erinnerungen an die ungeheuerlichen Verbrechen schienen Begegnungen für lange unmöglich zu machen. Dass auf Einladung Ben Gurions mit Konrad Adenauer ein deutscher Bundeskanzler 1966 seinen Fuß in Israel aufsetzen konnte, war dann für viele Israeli eine unglaubliche Provokation. Und doch waren bereits Jahre davor erste Bausteine eines neuen Fundaments deutsch-israelischer Beziehungen gelegt worden. Wissenschaftler taten den ersten Schritt.
Wo Politik noch keine Worte hatte, nahm der damalige Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, Otto Hahn, 1959 bei seinem ersten Besuch in Israel den Gesprächsfaden auf. Es sollte nicht mehr reißen. Deutsch-israelische Wissenschaftskooperationen sind zum festen und äußerst tragfähigen Pfeiler im deutsch-israelischen Verhältnis geworden. Zum Nutzen beider Seiten.
In den vergangenen Jahrzehnten entwickelte sich nicht nur ein dichtes Netz an Hochschulkooperationen, es wurden auch viele gemeinsame Forschungsprojekte initiiert. Nicht nur an der Hebräischen Universität in Jerusalem ist Deutschland nach den USA zum zweitwichtigsten Partner geworden. Die landesweit insgesamt 42 Minerva-Forschungszentren, in denen deutsche und israelische Spitzenforscher gemeinsam Fragen aus dem Bereich Naturwissenschaft und Technik, aber auch der Geisteswissenschaften nachgehen, sind nur ein Beispiel dafür. "Forschung hilft ins Gespräch zu kommen - über alle diplomatischen Stolpersteine hinweg", bekräftigt der deutsche Botschafter in Israel, Harald Kindermann. Wahre Brückenbauer seien Wissenschaftler, losgelöst von möglichen politischen Irritationen. Und so betont Wissenschaftsministerin Schavan nicht nur den interdisziplinären Ansatz der Forschungskooperation, sondern auch ihre interkulturelle Bedeutung.
An den Universitäten arbeiten Wissenschaftler zu Fragen alternativer Energien, der medizinischen und der zivilen Sicherheitsforschung über nationale und Religionsgrenzen hinweg. Die Probleme sind oft hier wie da dieselben, beispielsweise das Problem der Wasserknappheit. An keiner israelischen Universität wurde dazu so intensiv geforscht wie auf dem modernen Campus der Ben-Gurion-Universität in Beer Sheva mitten in der Negev-Wüste. Im Umland salzhaltige Erde soweit das Auge reicht. Nur hin und wieder Gestrüpp, Ziegen- und Kamelherden der Beduinen. Rund 60 Prozent der israelischen Staatsfläche wäre völlige Ödnis - würden nicht hin und wieder feine Bewässerungsschläuche und salzresistente Pflanzen für grüne Oasen sorgen. "Wir müssen die Wüste zum Blühen bringen", gab Staatsgründer Ben Gurion in den 50er Jahren vor. Das neue Israel aufzubauen im Frieden mit den arabischen Nachbarn waren seine Lebensziele. Letzteres hat sich bis heute nicht erfüllt. Die Bewirtschaftung der Wüste jedoch ist nicht nur im Kibbuz "Sde Boker" - im "Feld der Hirten" - wenige Kilometer von der Universität entfernt, zu besichtigen, wo Ben Gurion als Kibbuz-Mitglied sein letztes Lebensjahrzehnt verbrachte.
Vibrierender Forscherdrang in Beer Sheva. Weltweit sucht die Universität nach jungen Spitzenforschern. Die enge Verzahnung mit der Industrie ist für sie kein Nachteil. Auch die Deutsche Telekom unterhält hier ein eigenes Labor. Mehr als 100 israelische Wissenschaftler arbeiten dort unter anderem am Thema Sicherheit. Lässt sich die Privatsphäre im globalen Netz überhaupt noch schützen? Die von der Telekom finanzierten Forscher wollen diese Frage in absehbarer Zeit mit "Ja" beantworten können.
Berührungsängste zwischen Industrie und Wissenschaft sucht man nicht nur an der Ben-Gurion-Universität vergebens. "Ein Land, das über keine Rohstoffe verfügt, muss in die Köpfe investieren", sagt Botschafter Kindermann. Mit Geldern aus Stiftungen und der Privatindustrie, aber auch mit dem Zuschuss aus dem Staatshaushalt. 4,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts stellt die israelische Regierung für Forschung bereit. Der Anteil übersteigt die mit 4,2 Prozent eingeplanten Forschungsmittel im deutschen Bundesetat.
Das klare Bekenntnis der israelischen Regierung zu Forschung und Wissenschaft ist wichtig für die Zukunft - auch der deutsch-israelischen Beziehungen. Denn jene Forscher, die gemeinsame Wissenschaftsprojekte auch als Pfeiler der deutsch-israelischen Aussöhnung betrachtet haben, werden alt. "Jetzt ist die Zeit, neue Brücken zu bauen", sagt Annette Schavan.
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Autor: ELISABETH ZOLL | 20.06.2011
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Annette Schavan mit dem israelischen Wissenschaftsminister Daniel Hershkowitz in Jerusalem. Foto: Zoll
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