Flüchtlinge überschreiten Grenzen

Sie überschreiten Grenzen - Landesgrenzen und gesetzliche Grenzen. In Bayern untergebrachte Asylbewerber marschieren aus Protest gegen die Bedingungen ihres Aufenthalts in Deutschland nach Berlin.

PATRICK GUYTON |

Am Morgen um halb zehn schnappt sich Mohammed Kalali das Megafon. Laut und durchdringend ruft der schmale Mann zum Aufbruch, während er hin und her läuft. Der Verstärker lässt seine persischen Sätze scheppern. "Guten Morgen, bitte alle bereitmachen, in 15 Minuten gehen wir los." Drei, vier Mal wiederholt der 32-Jährige das, und innerhalb kurzer Zeit kommen die Leute aus der einstigen "Puppenwerkstatt", einem großen roten Backsteinhaus. Einer nach dem anderen, die Rucksäcke in den Händen, die Wanderschuhe geschnürt. Der Jahrhundertwendebau ist nur teilsaniert, ein von einem Verein namens "Kommune" betriebener multikultureller Treff. Hier durften sie schlafen.

Aufbruch - das ist für diese Menschen immer noch ein neues Gefühl, auch am Tage acht ihres Marsches in Richtung der Hauptstadt Berlin. Aufbruch statt Langeweile und dem Gefühl des Eingesperrtseins, Aufbruch statt erzwungenem Nichtstun im Asylbewerberlager. "Ich kann jetzt plötzlich besser atmen", sagt der Iraner Keyvan Shafiee, während er noch einen Schluck Instantkaffee aus dem Plastikbecher trinkt. Hier in Waltershausen, einer 10 000-Einwohner-Stadt in der tiefsten thüringischen Provinz in der Nähe von Gotha, haben sie übernachtet. Weiter geht es über Wahlwinkel nach Cobstädt, wo sie am Nachmittag eintreffen wollen - 370 Einwohner hat das Dorf, bis zur Landeshauptstadt Erfurt ist es dann nicht mehr sehr weit.

Die Asylbewerber laufen. Zu Fuß quer durch halb Deutschland, in 25 Etappen von Würzburg aus nach Berlin, das sind 568 Straßenkilometer. "Refugee Protest March" nennen sie die Aktion - Protestmarsch der Flüchtlinge. "Ich habe mich wie ein Gefangener gefühlt", erzählt Keyvan über die Zeit, als er in der Sammelunterkunft in Nürnberg lebte. "Man hält es dort nicht aus, es ist zu laut, zu eng." In Gorgan im Nordiran hatte der 24-Jährige Bauingenieurswesen studiert, bevor er nach Deutschland floh. "Hier kann ich nicht an die Uni, kann nicht einmal einen Sprachkurs besuchen", klagt er. Seit elf Monaten wartet der Mann mit der hellen Haut und den rötlichen Haaren auf seinen Asylbescheid. Im Iran wurden er und weitere Studenten nach den Protesten gegen den Präsidenten Ahmadinedschad vor zwei Jahren verfolgt. "Die Polizei hat viele abgeholt, sie sind seitdem verschwunden."

An einem Tag sind es 15 Flüchtlinge, die dabei sind, am anderen 20. Ein Dutzend deutsche Unterstützer begleiten den Tross mit Autos, fahren vor, kümmern sich um Essen und Übernachtung, informieren auf der Homepage über den aktuellen Stand. Um was es den Flüchtlingen geht, das skandieren diese auf der Strecke immer wieder lautstark. "Kein Mensch ist illegal - Bleiberecht überall", rufen sie. Oder: "Eins, zwei, drei, vier - alle Menschen bleiben hier."

Es ist ein Marsch, der die Grenzen überschreitet - von Landkreisen, von Bundesländern. Und es ist ein Marsch, mit dem laufend deutsches Recht gebrochen wird, ganz bewusst und absichtlich machen die Flüchtlinge das. Denn eigentlich unterliegen Asylbewerber der so genannten Residenzplicht. Diese besagt, dass sie nicht ohne Genehmigung den Landkreis verlassen dürfen, dem sie zugeteilt wurden.

Hassan Siami hat seine Wanderschuhe über Nacht auf der Heizung getrocknet. Die beiden Nächte zuvor hatten sie in Zelten geschlafen. "Es war kühl, es war feucht, teilweise hat es geregnet", sagt der 30 Jahre alte Kurde aus dem Nordirak. Früher hat er im Textilhandel gearbeitet - "finanziell stand ich gut da, ich will hier in Deutschland nicht auf Kosten des Staates leben". Hassan findet es erniedrigend, dass er von den Behörden Essenspakete vorgesetzt bekommt und nicht selbst bestimmen darf, was er isst: "Das ist wie bei den Tieren im Stall."

Die in Heimen abgeschotteten Flüchtlinge treffen auf die Wirklichkeit. Eine neue Erfahrung: Es gibt in Deutschland Menschen, denen ihr Schicksal nicht egal ist. Etwa den Bürgermeister des Örtchens Henneberg, der ihnen zum Campieren eine Wiese neben dem Sportplatz zur Verfügung stellt. Bei der Abreise bekommen sie noch ein gemeindeamtliches Empfehlungsschreiben: Sie haben sich gut benommen, man könne diese Menschen bedenkenlos unterstützen. Oder jenen älteren Mann im fränkischen Münnerstadt, der ihnen die erste Etage seines Hauses zur Verfügung stellte und nur sagte: "Ihr könnt hier machen, was ihr wollt."

Doch es gibt auch andere Deutsche. Die NPD etwa hat die mutmaßliche Route der Flüchtlinge an ihre Orts- und Kreisverbände weitergeleitet. "Asyl ist kein Selbstbedienungsladen", hetzen die Rechtsradikalen. Mit unterschwelligem Gewaltaufruf wird zu "vielfältigen Aktionen" gegen den Flüchtlingszug aufgefordert.

Am Spätnachmittag in Waltershausen entschließen sich die Marschierer, das dortige Asylbewerberheim zu besuchen. Die Unterkunft ist ein Plattenbau in einem trostlosen Gewerbegebiet. Ein privater Wachmann holt die Polizei, die rückt mit fünf Wagen und zwei Kleinbussen an. Doch schnell machen die Protestierer auch hier die Erfahrung mit der Staatsmacht, die sie bisher schon auf dem ganzen Marsch erlebt haben und zuvor so nicht kannten: Die Polizei als Freund und Helfer. Der diensthabende Beamte vereinbart mit der Gruppe, dass sie eine halbe Stunde bleiben kann. "Dann ist ja alles gut", sagt er. Nur keine Eskalation mit diesem politisch heiklen Asylbewerber-Tross.

Deshalb passt eine Polizeistreife auch nachts vor der "Puppenwerkstatt" auf. Tage zuvor sicherten Beamte an der Landesgrenze zwischen Thüringen und Bayern die Marschierer auf einer vielbefahrenen Straße ab. An der ehemaligen Grenze zwischen Bundesrepublik und DDR zücken die Flüchtlinge ihre vorläufigen Ausweispapiere und zerreißen sie. Die Dokumente, die sie in ihren Landkreisen festhalten, wollen sie nicht mehr. "Wir sind nicht falsch, sind keine Betrüger", sagt der Kurde Hassan Siami. "Wir machen jetzt diese Grenze für uns kaputt." Weiter ziehen sie dann durch den Thüringer Wald. "Das erinnert mich so sehr an die Wälder am Kaspischen Meer", sagt der Iraner Keyvan Shafiee später.

Warum duldet die Politik das alles, warum schreiten die Behörden nicht ein? Seit einem halben Jahr protestieren die Asylbewerber - in Zelten wie in Würzburg und Regensburg, mit Hungerstreik und zugenähten Lippen. Und nun mit dem Marsch. Es gibt keine offiziellen Stellungnahmen dazu. Bayern zumindest dürfte es ganz recht sein, dass die Leute jetzt erst einmal außerhalb des Freistaates sind.

Symbolträchtig am 3. Oktober, dem Tag der Deutschen Einheit, möchten sie in der Hauptstadt ankommen und ihre Forderungen verkünden. Und dann? "Ich gehe nicht mit leeren Händen zurück", meint Hassan Siami. Keiner sagt es so genau, aber es ist klar: Die Gruppe stellt sich darauf ein, notfalls in Berlin zu überwintern.

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