Feuersturm macht Dorf zu Asche

Dürre, Leichtsinn und mangelhafte Ausrüstung der Feuerwehr: Russland bekommt die verheerenden Waldbrände nicht in den Griff. Das Dorf Werchnaja Wereja ist fast vollständig verbrannt.

Acht Kilometer vor Werchnaja Wereja steht ein Polizeiwagen im Nebel. Ein junger Beamter winkt müde mit seinem Gummiknüppel. "In Werchnaja Wereja gibt es noch ein Haus und die Schule. Alles andere ist weg. Da wird es Ihnen nicht gefallen." Der Polizist tut Dienst an Russlands neuer Grenze. An der Grenze zwischen Zivilisation und Feuer. Auf der einen Seite Dörfer, in denen die Geschäfte geöffnet sind und Kinder auf der Straße herumlaufen. Auf der anderen Seite Dörfer, die leerstehen oder in Asche liegen, lodernde Wälder, Sümpfe, wo unterirdisch brennender Torf qualmt wie gigantische Nebelwerfer. Ein Schlachtfeld, auf dem über 180 000 Feuerwehrleute, Katastrophenschützer und Freiwillige versuchen, täglich 400 neue Brandherde unter Kontrolle zu bekommen.

Auf der Straßenböschung stapeln sich Äste und Stämme gefällter Birken. Ein Bulldozer kurvt über eine Brandschutzschneise. Je weiter die Straße in den Wald führt, um so stiller wird es. Und nebliger. Die Backsteinöfen der Häuser und Schwitzbäder von Werchnaja Wereja stehen noch. Sie und die Badewannen zeigen, wo Häuser standen. Alles andere ist verbrannt. Die Skelette der Motorräder sehen rostig aus. Eine alte Frau, sie heißt Ewodkija, wühlt in der knöcheltiefen Asche, die einmal ihr Gartenbeet war, nach Kartoffeln. "Sehen sie, unsere Hühner. Brathühner." Schwarze Klumpen mit abgesengten Krallen. Zwei betagte Frauen mit Stoffmasken vor dem Gesicht zerren an den Eisenwänden eines Wassertanks. "Wir sammeln alles. Alles, was geblieben ist, von unserem Haus. Das wird als Altmetall verkauft."



In den 350 fast ausnahmslos hölzernen Einfamilienhäusern von Werchnaja Wereja lebten 600 Erwachsene und 120 Kinder. Als am vergangenen Donnerstag die Flammen die Baumwipfel am Waldrand erfassten, nahm die alte Ewdokija eine Ikone. Sie kreiste um ihr Haus und betete. Aber dann brach ein Sturm los. "Ein Wirbelsturm, der brannte. Mit 40 Meter hohen Feuersäulen", erzählt ein Mann. "Das Feuer dröhnte, als führe eine Panzerflotte auf uns los." Andere retteten sich laufend, auf Asphalt, der unter ihren Füssen weich wurde. Binnen 20 Minuten vernichtete die Feuerwalze das Dorf.

Wie viele Menschen in Werchnaja Wereja umgekommen sind, wissen die Leute im Dorf nicht genau. Eine Frau sei mit ihrer Tochter in den Keller geflüchtet und dort erstickt. Nach offiziellen Angaben verbrannten im Gebiet Wyksa, in dem das Dorf liegt, 19 Personen, in ganz Russland 50 Menschen. Allerdings sagten Feuerwehrleute einem Reporter, sie hätten allein in Werchnaja Wereja 46 Tote gezählt.

Der schlimmste Waldbrand seit 1972, sagen die Leute. "Aber damals konnten wir das Dorf retten", erklärt ein Mittfünfziger. "Und die Sowjetmacht hätte diese Katastrophe auch verhindert." Er will seinen Namen nicht nennen, wie viele Männer aus dem verbrannten Dorf. "Gott hat uns das Feuer als Strafe geschickt", ruft die alte Ewdokija aus ihrem Aschebeet.

Die Katastrophe hat viele Ursachen. Die Offiziellen verweisen zu Recht auf die wochenlange Dürre bei Temperaturen von mehr als 30 Grad. Und auf den Leichtsinn, mit dem das Volk im Wald Schaschlikfeuer entfacht. Aber es gibt auch sehr neurussische Gründe. Im Gebiet von Wyksi geht das Gerücht, dass Wernaja Wereja auch deshalb abbrannte, weil die Feuerwehren anderenorts zum Schutz einer elitären Datschensiedlung zusammengezogen worden seien. Und Umweltschützer verweisen auch auf den 2006 erlassenen Waldkodex. Darin schiebt der Staat die Verantwortung für die Vorbeugung von Bränden privaten Waldpächtern zu. Denen aber fehlt wenn nicht der Wille, so das Personal dazu. Außerdem wurde die früher zentral gelenkte und finanzierte Luftflotte, die jede Rauchfahne frühzeitig meldete, auf die finanzschwachen Regionen aufgeteilt. Und der neue Waldkodex verbietet die Torfförderung in Waldgebieten. Die Torffelder sollen wieder versumpft werden. Aber Ökologen beklagen, ein Großteil des bereitgestellten Geldes sei Korruption zum Opfer gefallen, permanente Torfbrände die logische Folge. Und das Gerät der Feuerwehr tauge zum großen Teil nur noch fürs Museum.

Wie durch ein Wunder überstand die hölzerne Dorfschule von Werchnaja Wereja den Feuersturm. "Man hat uns gesagt, dass wir im November wieder unterrichten können", die Französischlehrerin Marina Grischina lächelt tapfer. Auch ihr Haus liegt in Schutt und Asche. Aber Premier Wladimir Putin persönlich war hier, hat allen Brandopfern Kompensationen versprochen. Und Marina sagt, bis zum November wolle der Staat für alle Einwohner neue Blockhäuser errichten. Und es wachse schon wieder grünes Gras nach. Russen sind Optimisten.

Auf dem Rückweg hat ein Lkw die Straße gesperrt. Ein Autokran packt mit seinen Greifarmen das Astwerk der gefällten Birken, und wirft es auf die Ladekippe des Lastwagens. Die Schneise zwischen dem Russland, das von den Menschen, und dem Russland, das vom Feuer beherrscht wird, mag hier 30 Meter breit sein. Aber sollte es wieder stürmen, wird das Feuer auch diese Verteidigungslinie überspringen.



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Autor: STEFAN SCHOLL | 06.08.2010

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