FREMDE FEDER · DIETMAR MIETH: Wissen kann überfordern

Auf den ersten Blick geht es um ein geringeres Risiko für Frauen, die, - zum Beispiel wegen ihres Alters in der Schwangerschaft-, mit dem Risiko rechnen, ein behindertes Kind zu bekommen. Die bisherigen Tests waren risikoreich, für die Frau und das Kind.

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Auf den ersten Blick geht es um ein geringeres Risiko für Frauen, die, - zum Beispiel wegen ihres Alters in der Schwangerschaft-, mit dem Risiko rechnen, ein behindertes Kind zu bekommen. Die bisherigen Tests waren risikoreich, für die Frau und das Kind. Je nach Befund schafften sie Gewissheit, dass das befürchtete Risiko nicht eintritt. Andererseits führten sie auch dazu, sich Gedanken zu machen über die Möglichkeit, mit einem behinderten Kind zu leben bzw. über einen Schwangerschaftsabbruch - bei gesundheitlichen Risiken für die Frau auch nach der Dreimonatsfrist.

An der Rechtslage ändert der Bluttest nichts. Seit längerem werden Spätabbrüche kritisiert. Denn mit der medizinischen Indikation hat man eine dünne Schutzhülle der Rechtslogik gegen die "genetische" Indikation errichtet, die von der Verfassung her nicht zulässig war. Der Bluttest senkt die Ängste vor dem Test selbst. Dies kann der leichtere Zugang zu mehr Sicherheit sein, aber auch der leichtere Zugang zu einer dramatischen Entscheidung - und zu mehr Abbrüchen.

Ich teile die Unterstellung nicht, dass potentielle Eltern Down-Syndrom-Kinder nicht wertschätzen. Sie beurteilen ja im Konfliktfalle sich selbst und ihre Tragfähigkeit, nicht das Kind. Auf der andere Seite steht die Absenkung der Schwelle zur genetischen Selektion: Auf dem Umweg über "individuelle" Entscheidungen, die aber auch individuelle Träger der Menschenwürde im Mutterleib betreffen, werden eugenische Wirkungen, auch als allgemeine Bewusstseins-Veränderungen, toleriert.

Diese Situation hat eine moralische Seite und eine rechtliche Seite. Auf der moralischen Seite rate ich nicht zur pränatalen Diagnostik. Auch bei Risikofällen, etwa einem Schwangerschaftsalter von über 35 Jahren sage ich aus moralischen Gründen: Kinder erwarten und annehmen, wie sie sind. Ich habe Beispiele dafür, dass so gelebt wird und dass es den Menschen dabei gut geht. Es gibt auch das Recht auf Nichtwissen. Denn Wissen überfordert auch. Man kann sich auf Wissen einlassen, ohne zu wissen, wie man mit diesen Wissen umgehen wird. Aber es gibt auch einen gewissen Druck der Umstände - vom Umfeld, den Ärzten, dem werdenden Vater.

Hier würde ich ansetzen. Späte Schwangerschaften hängen auch mit den zeitlich gedehnten und variablen Lebensplänen zusammen. Doch können wir nicht wenigstens jenen, die frühere Geburten wollen, dies durch soziale Rahmenbedingungen für die Vereinbarkeit von Ausbildung und Familie ermöglichen? Die Verträglichkeit von Lebensplanung und Lebensrecht ist eine gesellschaftliche Aufgabe.

Dietmar Mieth ist Moraltheologe und Fellow am Max Weber Kolleg in Erfurt.

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