Experte: In einer Krise sind auch Bilder wichtig
Die Kommunikation der Regierung Japans nach dem 11. März hat eine Massenpanik verhindert, aber sie war teilweise zu verharmlosend, sagt Frank Roselieb, Experte am Institut für Krisenforschung in Kiel.
Widersprüchliche Aussagen, Korrekturen - die Kritik an der Kommunikation der japanischen Regierung und der Betreibergesellschaft Tepco ist groß. Wie sehen Sie das?
FRANK ROSELIEB: Gemischt. In der ersten Woche haben die Japaner angemessen informiert, weil es in dieser Schockphase vor allem auch darum ging, Panik zu verhindern. In der nun langsam endenden zweiten Phase, der eigentlichen Katastrophenbewältigung, war insbesondere die Abstimmung der Informationspolitik zwischen der Regierung und Tepco kritisch.
Inwiefern?
ROSELIEB: Hier hätte es schneller eine abgestimmte Information aus einer Hand geben müssen. Man kann natürlich auch die häppchenweise Informationspolitik kritisieren, sollte aber bedenken, dass niemand wusste, was überhaupt in den Reaktoren genau passiert war. Da blieb dann nicht viel anderes übrig, als entweder nichts zu sagen oder sich der Wahrheit in gleichmäßigen Kreisen anzunähern.
Aber gefährdet man mit dieser Häppchen-Informationspolitik im Zweifel nicht auch Menschenleben?
ROSELIEB: Bei einer Katastrophe ist die Wendung zum Negativen bereits eingetreten. Menschen wurden verletzt oder getötet und Häuser zerstört. Anders als in der Krisenkommunikation - denken Sie beispielsweise an den Dioxin-Skandal Anfang 2011 in Deutschland - kann man mit einer schnellen Warnung das Ereignis nicht ungeschehen machen. Im Gegenteil: Wir wissen aus vergleichbaren Ereignissen, dass im Zweifelsfall sonst mehr Menschen durch Evakuierungsmaßnahmen sterben als durch die Katastrophe selbst. Gleichwohl darf man sich nicht selbst widersprechen. Beispielsweise ist eine "teilweise Kernschmelze" - wie von den Japanern zeitweise kommuniziert - nicht wirklich glaubwürdig. Das wirkt etwas zu sehr verharmlosend.
Jeder, der an die ersten Pressekonferenzen der Regierung und Tepco zurückdenkt, hat als erstes die Arbeitskleidung der Politiker und den Nadelstreifenanzug der Tepco-Leute im Kopf. Was sollte das?
ROSELIEB: Krisenbewältigung lebt immer auch von Bildern. Das gilt auch für Deutschland. Beispielsweise zeigte sich der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder beim Elbehochwasser 2002 mit hochgekrempelten Ärmeln und in Gummistiefeln auf dem Elbdeich. In Japan ist man noch einen Schritt weitergegangen und hat eine Art "Good-guy-bad-guy"-Strategie angewandt: Die zupackende Regierung in Arbeitskleidung und die Tepco-Manager im Anzug. Da waren die Sympathien schnell verteilt.
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Autor: ANDREAS CLASEN | 08.04.2011
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