Ethikrat-Vorsitzende kritisiert Regelungen zu embryonalen Stammzellen

Embryonale Stammzellen dürfen nur unter bestimmten Voraussetzungen nach Deutschland importiert werden. Christiane Woopen, Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, findet diese Regelung problematisch.

ANDREAS CLASEN |

Was ist in Deutschland in der Embryonen- und Stammzellenforschung verboten und erlaubt?

CHRISTIANE WOOPEN: Bei uns ist grundsätzlich Forschung verboten, bei der menschliche Embryonen zerstört werden. Unter bestimmten Umständen ist der Import menschlicher embryonaler Stammzellen möglich, die im Ausland bis zu einem Stichtag gewonnen wurden.

Spricht aus dieser Regelung eine Doppelmoral?

WOOPEN: Es würde die Überzeugung, dass auch ein Embryo hohen Schutz genießen muss, zweifellos konsequenter ausdrücken, wenn man den Stammzellen-Import unterbinden würde und nicht zum Beispiel, wie 2007 geschehen, einen Stichtag verschiebt, um auf ausreichend geeignete embryonale Stammzelllinien im Ausland zugreifen zu können. Früher galt ja der Stichtag 1. Januar 2002, heute ist es der 1. Mai 2007.

Und wie bewerten Sie es, dass eines Tages womöglich Deutsche von Therapien profitieren, die es dank liberalerer Forschungsregeln in den USA oder England gibt?

WOOPEN: Wäre man gegen Embryonenforschung, müsste man eigentlich auch eine solche Therapie ablehnen. Das lässt sich aber aus meiner Sicht gegenüber einem schwer kranken Menschen, dem man auf diesem Weg helfen könnte, nicht vertreten.

Wären die jetzt in Oregon angewendete Zellkerntransfer-Technik und das Klonen von Embryonen in Deutschland erlaubt?

WOOPEN: Eigentlich war das vom Gesetzgeber nicht gewollt, doch tatsächlich bietet das Embryonenschutzgesetz wohl Raum für Interpretationen. Bisher ist mir kein Forscher bekannt, der Ähnliches in Deutschland probiert. Aber wenn man den Zellkerntransfer wirklich verbieten will, sollte man das Gesetz präzisieren.

Wann ist menschliches Leben unbedingt schützenswert?

WOOPEN: Das Leben ist ein fundamentales, nicht das höchste Gut. Es ist auch nach der Geburt nicht unbedingt geschützt. Es wird im Konflikt immer wieder abgewogen, etwa wenn zwei Leben auf dem Spiel stehen oder wenn wir während der Schwangerschaft andere Abwägungen erlauben als nach der Geburt eines Kindes.

Was bedeutet das für die Embryonenforschung?

WOOPEN: Die Verwendung von Embryonen, die es durch künstliche Fortpflanzungsmedizin gibt, aber dafür nicht mehr eingesetzt werden können, ist für die Forschung anders zu bewerten als ihre Herstellung eigens zu Forschungszwecken. Ich finde es wichtiger zu schauen, wie wir mit menschlichem Leben und seiner Erzeugung umgehen als Zeitpunkte festzusetzen, wo man mit guten Gründen darüber streiten kann, wann genau ein individuelles menschliches Lebewesen entsteht.

Wie beurteilen Sie das Oregon-Experiment ethisch?

WOOPEN: In diesem Fall wurde ein Zellkern aus einer Bindegewebszelle in eine entkernte Eizelle übertragen. Dieses Zellkonstrukt ist für mich nicht in derselben Weise ein menschliches Lebewesen wie eines aus der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle - unabhängig davon, dass, wenn daraus ein Mensch entstehen würde, ihm dieselbe Achtung wie jedem anderen gebührt. Ethisch zu bedenken sind auch die Umstände der Eizellspende, wenn etwa Frauen in Not Geld erhielten und sich medizinischen Risiken aussetzten, um eigens für diese Forschung Eizellen zu geben.

Glauben Sie, dass es mittelfristig menschliche Klone geben wird?

WOOPEN: Technisch könnte ich mir das vorstellen, ethisch hielte ich das für inakzeptabel. Umso mehr hoffe ich, dass es bald ein weltweites Klon-Verbot zu Fortpflanzungszwecken geben wird.

Wer blockiert das bislang?

WOOPEN: Vor allem Länder, denen die Ächtung des Fortpflanzungsklonens nicht genug ist und die auf ein generelles Klon-Verbot pochen. Letzterem werden aber viele Staaten nie zustimmen.

Info Die Professorin Christiane Woopen leitet die Forschungsstelle Ethik an der Universitätsklinik Köln und ist Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, der Stellungnahmen gegenüber Bundestag und -regierung abgibt.

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