Erst reden, dann ändern

Zehn Jahre dauert der Bologna-Prozess an. In Deutschland und Baden-Württemberg gibt es Probleme, Wissenschaftsminister Peter Frankenberg kann sich eine radikale Reform des Hochschul-Tüv-Systems vorstellen.

Der Bologna-Prozess in Deutschland läuft so rund wie ein Fahrrad mit einer Acht im Hinterreifen. Dass es Probleme gibt, ist für die einen wegen der Reformausmaße normal. Die anderen fühlen sich in ihrer Meinung bestärkt, das Bologna-Projekt sei von jeher Irrsinn gewesen. Spätestens seit den massiven Studentenprotesten 2009 ist zumindest klar: Es gibt Gesprächsbedarf. Baden-Württembergs Wissenschaftsministerium sucht den Dialog. Heute gibt es in Stuttgart einen Bologna-Kongress mit Bildungsexperten, Studenten- und Hochschulvertretern sowie Minister Peter Frankenberg als Gastgeber.

Seit Dezember prangt auf der Internetseite des Ministeriums ein Bologna-Button, eine moderne Form des alten Kummerkastens. Mehr als 400 Studenten haben bisher auf diesem Weg ihre Beschwerden zur Umsetzung der Bologna-Reform (Info-Kasten) eingebracht. Sie kritisieren: eine überzogene Stofffülle, eine überhöhte Prüfungsdichte, falsch und zu schmal konstruierte Bachelorstudiengänge, Probleme bei der Anerkennung von erbrachten Leistungen im Fall eines Hochschulwechsels, ein schlechtes Betreuungsverhältnis, fehlende Wahlfreiheit, die Studiengebühren, fehlende Masterplätze und die mangelnde Mitbestimmung.

Jetzt sind Lösungen gefragt. Das Wissenschaftsministerium hat dazu mit Vorstandsvertretern der Rektorenkonferenzen der Hochschulen im Land ein Memorandum verfasst. Viele der Kritikpunkte der Studenten, aber nicht alle - wie zum Beispiel die Studiengebühren - werden bereits in dem Papier als zu lösende Probleme erkannt.

Das Memorandum skizziert Reformen, die den Bologna-Prozess in drei Bereichen "optimieren" sollen: hinsichtlich der Studierbarkeit der Bachelorstudiengänge, der finanziellen Studienförderung und der Effizienz des Akkreditierungssystems, das eine Art Hochschul-Tüv-System ist. Eine radikale Reform stellt sich Minister Frankenberg hinsichtlich des Akkreditierungssystems vor. "Das Schweizer System hat hier für uns in Baden-Württemberg einen gewissen Vorbildcharakter", sagt Frankenberg der SÜDWEST PRESSE. Ähnlich wie im Nachbarland, sollte auch in Deutschland nicht nur die Lehre sondern auch die Bereiche Forschung und Weiterbildung an den Hochschulen extern geprüft werden. Im Zuge des Trends zur Prüfung ganzer Qualitätsmanagementsysteme der Hochschulen statt tausender einzelner Studiengänge sei zudem zu überlegen, ob man noch alle zehn Akkreditierungsagenturen brauche.

Laut Memorandum soll die Reform des Systems nicht das bislang oberste Gremium des Tüv-Systems, der Akkreditierungsrat, übernehmen sondern der von Bund und Ländern getragene Wissenschaftsrat (WR, siehe Info-Kasten). Und Frankenberg sagt: "Ich könnte mir vorstellen, dass auf Dauer der Wissenschaftsrat eine Art oberstes Qualitätssicherungssystem der Akkreditierung darstellt". Das käme einer Degradierung des Akkreditierungsrates gleich.

In Bezug auf eine bereits eingesetzte Arbeitsgruppe des WR, die Reformvorschläge für das Tüv-System erarbeitet, sagt Frankenberg: "Ich erwarte mir vom Wissenschaftsrat gute Lösungsvorschläge zur Verbesserung des Akkreditierungssystems, das ja manches, was wir heute beklagen, was die Studierenden auch zu Recht beklagt haben, nicht verhindert hat."

Achim Hopbach, Geschäftsführer des Akkreditierungsrats, hält Frankenbergs Idee für unrealistisch und falsch. Unrealistisch, weil der WR, laut Hopbach, "im letzten Herbst gerade festgestellt hat, dass er sich nicht als Akteur in der Qualitätssicherung sieht, weshalb er die wesentlichen Teile der Akkreditierung von privaten Hochschulen ja abgeben möchte."

Falsch, weil er den WR nicht für die geeignete Reformplattform hält. Im WR gebe es nicht, wie in Europa Standard und im Akkreditierungsrat Realität, eine Beteiligung alle Interessengruppen wie Studenten- oder Beruffachvertretern sowie das nötige Maß an Unabhängigkeit von staatlicher Seite. Im WR seien nur wenige Interessenvertreter beteiligt. Und in ihm könnten die Länder Entscheidungen nicht ohne den Bund treffen, weshalb er auch sehr erstaunt sei, "dass ein Landesminister, der ja sehr großen Wert auf die Länderzuständigkeit in diesem Sektor liegt, hier nun ein Gremium für die Diskussion vorschlägt, in dem paritätisch auch der Bund vertreten ist."

Es besteht also weiter Gesprächsbedarf. Da ist es gut, dass Hopbach und Frankenberg sich in Stuttgart als Teilnehmer am Bologna-Kongress austauschen können.


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Autor: ANDREAS CLASEN | 08.03.2010

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