Erdogan will Abtreibungen verbieten
In der Türkei ist die Geburtenrate zwar sehr viel höher als in der EU, aber sie sinkt. Der Premier will gegensteuern - mit einer Gesetzesverschärfung.
Autor: GERD HÖHLER |Zwei Töchter, zwei Söhne: Mit vier Kindern ist Tayyip Erdogan ein vorbildlicher Vater, jedenfalls was die Zahl der Nachkommen angeht. Gern sähe es der türkische Premier, wenn auch andere Frauen so viele Kinder zur Welt brächten wie seine Gattin Emine. Das tun die meisten Türkinnen aber nicht. Die Geburtenrate sinkt. 2009 kamen in der Türkei 1,255 Millionen Kinder zur Welt. 2010 waren es laut Statistik nur noch 1,239 Millionen. 2011 ging es wohl weiter runter.
"Sterben die Türken aus?", fragte bereits besorgt das Internetportal Deutsch Türkische Nachrichten. Das wohl nicht. Mit 17,93 Geburten auf 1000 Einwohner war die Geburtenrate in der Türkei 2011 immerhin noch sehr viel höher als im Durchschnitt der EU-Staaten (9,83 Geburten). Aber wenn die türkischen Frauen weiter so wenig Kinder gebären, wird die Türkei lange brauchen, bis sie von jetzt 74,7 Millionen Einwohnern die magische Zahl von 100 Millionen erreicht.
Erdogan glaubt zu wissen, woran es liegt: In der Türkei werden zu viele Schwangerschaften abgebrochen. Der Premier will deshalb Abtreibungen verbieten. Bisher sind sie bis zur zehnten Schwangerschaftswoche erlaubt. Noch vor der Sommerpause soll nun das Parlament eine Gesetzesänderung verabschieden. Geplant ist, den Schwangerschaftsabbruch nur in den ersten vier Wochen zu erlauben. Da eine Schwangerschaft kaum jemals vor Ablauf eines Monats festgestellt wird, käme das einem völligen Verbot gleich. Nicht einmal Vergewaltigungsopfer sollen abtreiben dürfen, der Staat könne sich schließlich um die Kinder kümmern, erklärt Gesundheitsminister Recep Akdag.
Der Plan bringt viele Frauen auf die Barrikaden. "Mein Körper, meine Wahl": Mit solchen Slogans demonstrierten jüngst Tausende in Istanbul. Der Premier macht ethische Motive geltend: Abtreibung sei Mord, es mache "keinen Unterschied, ob man ein Baby nach der Geburt oder im Mutterleib tötet". Aber ist es wirklich moralische Entrüstung? Manche glauben, es gehe um machtpolitische Motive: Nur wenn die Bevölkerung weiter wächst, kann Erdogan sein Ziel erreichen, das Land bis 2023, 100 Jahre nach der Republikgründung, unter die zehn größten Industrienationen der Welt zu führen.





