Ein Haudegen mit Sitzfleisch

Roland Koch geht, Volker Bouffier kommt - Hessen bekommt morgen einen neuen Ministerpräsidenten. Eine politische Neuausrichtung wird es mit ihm kaum geben, dafür aber ein jüngeres Kabinett.

Wachwechsel in Hessen: Morgen wollen CDU und FDP den bisherigen Innenminister Volker Bouffier zum Ministerpräsidenten wählen. Angesichts der klaren Mehrheitsverhältnisse im Landtag gilt die Wahl des 58-Jährigen als sicher. Heute zelebriert Noch-Ministerpräsident Roland Koch mit großem TamTam im Park von Schloss Biebrich seinen Abschied, bei Fackelschein und Militärmusik. Bundeskanzlerin Angela Merkel und Altkanzler Helmut Kohl haben ihr Kommen zugesagt.

Ein Neuanfang ist dies nicht, eher eine Zäsur. Der Christdemokrat Bouffier war schließlich 11 Jahre lang Roland Kochs Innenminister und 19 Jahre lang stellvertretender Landesvorsitzender der hessischen CDU. "Ich brauche mich nicht neu zu erfinden", sagt Bouffier. "Weiblicher und jünger" soll allerdings das Kabinett aussehen, das er heute präsentieren will. Der eine oder andere Ressortchef wird also dem Nachwuchs Platz machen müssen. Spricht man Bouffier allerdings darauf an, dass er selbst sechs Jahre älter ist als sein Vorgänger Koch, wird er resolut. "Ich bin durchaus rüstig, lese jeden Tag Zeitung; ich halte die Frage des Alters für Unsinn", sagt er dann mit Nachdruck.

Volker Bouffier gilt als Haudegen, wie auch Koch. Die zwei Männer verbindet ohnehin nicht nur die gemeinsame politische Arbeit. Beide sind Juristen, kamen früh zur CDU, sind "immer noch mit der selben Frau verheiratet" und bekennende Familienväter - Bouffier mit drei, Koch mit zwei Kindern.

Dass die Landtagsopposition Volker Bouffier zum "Skandalminister Nummer eins" ernannt hat, weil er sich bereits zwei Mal in parlamentarischen Untersuchungsausschüssen rechtfertigen musste, tut der designierte Regierungschef als üble Kampagne ab. Als das Bundesverfassungsgericht sein Gesetz zur automatischen Speicherung von Autokennzeichen kassierte, rüffelte er die Karlsruher Richter, das Urteil erschwere die Kriminalitätsbekämpfung. Als er kurz nach seiner Ernennung zum Minister ein Gerichtsverfahren wegen Parteiverrats aus seiner Zeit als Rechtsanwalt nur durch Zahlung einer Geldauflage abwenden konnte, blieb er unbelehrbar; er zahle die Buße, obwohl er unschuldig sei, sagte der Minister damals, Staatsanwälten und Richtern bescheinigte er eine unzutreffende Rechtsauffassung.

Nach außen gibt Bouffier den schulterklopfenden Kumpel. Intern gilt er als harter Verhandlungspartner, der vor unangenehmen Entscheidungen nicht zurückschreckt. Bei den Gesprächen über die Kabinettsbildung habe er auch "gestandene Minister" über seine Pläne im Unklaren gelassen, berichtete einer der Betroffenen.

Früher machten Bouffiers Weggefährten gelegentlich Scherze über dessen schneidiges Auftreten oder seine ausufernden Wortmeldungen. Als man über seine erkennbar blondierten Haare gelästert habe, sei Bouffier errötet und habe vom Shampoo seiner Frau gefaselt, war da zu hören. Solche spöttischen Geschichten über den künftigen Regierungschef sind in Wiesbaden inzwischen verstummt.

Bouffier reklamiert Richtlinienkompetenz, vor allem in Personalfragen. Umweltministerin Silke Lautenschläger, Finanzminister Karl-Heinz Weimar und Regierungssprecher Dirk Metz scheiden freiwillig aus. Andere werden wohl folgen - unfreiwillig. Bis zuletzt wurde hinter den Kulissen heftig um Posten gerungen.

Volker Bouffier hat lange auf seine Beförderung gewartet. Zuletzt konnte man bei ihm, dem "Prinz Charles der hessischen CDU", Ungeduld ausmachen, weil Koch partout nicht gehen wollte. Nach Kochs Wahlschlappe 2008 hatte Bouffier sogar eigenständig den Kontakt zur SPD gesucht, um die Chancen für eine Große Koalition unter seiner Führung zu ventilieren. Roland Koch hat jetzt der CDU dringend nahegelegt, Bouffier auch zum stellvertretenden Bundesvorsitzenden zu wählen. Dieser traut sich zu, die Lücke zu schließen, die Koch als Vertreter des konservativen Parteiflügels hinterlässt. Auf Bundesebene hat er schließlich bereits in jungen Jahren gespielt, im Basketballteam des MTV Gießen.


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Autor: CHRISTOPH SCHMIDT-LUNAU | 30.08.2010

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